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Neuss
Der Nikolaus sagt "Merhaba"

Neuss: Der Nikolaus sagt "Merhaba"
Ein Nikolaus vom Nikolaus für alle Kinder in der Flüchtlings-Unterkunft am Nordbad. Einrichtungsleiterin Avery Toppan (oben links) schaut zu, wie bei den Kindern und Jugendlichen dezente Ekstase ob des fremden Besuchs aufkommt. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. 46 Flüchtlinge leben seit gut einer Woche in der Notunterkunft am Nordbad. Und noch mehr Menschen wollen ehrenamtlich helfen. Die Caritas bringt beide zusammen. Von Andreas Gruhn

Als Avery Toppan über den noch steril-weißen Flur schreitet, an die Türen klopft und die Bewohner zusammenruft mit der Ankündigung, der Nikolaus komme ja gleich ins Spielzimmer der Flüchtlingsunterkunft am Nordbad, da ahnen die Menschen noch nicht, was sie gleich zum ersten Mal sehen werden. Eine Frau mit Kopftuch unterbricht das Reinemachen, stellt Wischmopp und Wassereimer beiseite. Die Jugendlichen draußen auf dem Hof lassen den Fußball liegen und laufen hinein, Familien eilen aus ihren Zimmern herbei. Avery Toppan, Leiterin der Einrichtung, schürt mit Lachen und Scherzen die Neugier der Bewohner. Und als Nikolaus Hans-Werner Prinz im Kostüm des Heiligen mit Bischofsstab und rotem Gewand um die Ecke biegt, bricht es los.

Auf dem Flur der Einrichtung ruft Avery Toppan Kinder und Eltern zusammen, damit auch keiner den Besuch verpasst. Caritas und DRK bringen jetzt den Alltag in der Einrichtung in Gang. FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Ein Mädchen dreht weinend ab, hüpft auf den Arm seiner Mutter. Ein paar freche Jungs schauen ungläubig auf den großen Mann, nicht wissend, ob sie jetzt Angst haben sollen, wenn man ihm am Mantelsaum zieht. Ein Mann sagt immer wieder "Oha, oha", eine junge Frau filmt alles mit ihrem Smartphone. Ein kleines Mädchen boxt dem Nikolaus vors Schienbein und reicht ihm die Hand, weil man das zur höflichen Begrüßung halt eben so macht. Irgendwie alles wie in jedem gewöhnlichen Kindergarten, wenn der Nikolaus kommt. Nur ist dies das Spielzimmer der ersten städtischen Container-Unterkunft für Flüchtlinge. Der erste der 27 Notstandorte in der Stadt beherbergt jetzt die ersten 46 Anwohner. Und die meisten von ihnen sehen zum ersten Mal den Nikolaus. "Merhaba, liebe Kinder", sagt der Nikolaus in einer Mischung aus Türkisch und Deutsch, weil eine Übersetzerin der Caritas ihm gesagt hat, dass die Syrer die türkische Begrüßung verstehen. Als ein kleines Mädchen mit Schnuller den ersten Schoko-Nikolaus bekommt, klatschen die Bewohner. Und die Kleine klatscht mit.

Renas (22) und sein Bruder Mohammed (14) schauen sich den Besucher, der Schokolade verteilt, aus der zweiten Reihe an. "In Syrien gibt's das nur in christlichen Gebieten", sagt Renas. Die beiden Brüder kommen aus der kurdischen Region Afrin im Norden Syriens und wohnen jetzt nach ihrer Flucht mit ihrer Mutter in Neuss am Nordbad. Neuss sei "very good", sagt der Ältere. Hier seien sie jetzt "glücklich". Viel tun können sie nicht, sie gehen spazieren, erholen sich von der Flucht.

So beginnt der Alltag in der neuen städtischen Notunterkunft. Die Menschen, nahezu alle aus Syrien, sind seit gut eineinhalb Wochen nun am Nordbad untergebracht. Viele Familien sind darunter, wenige Alleinreisende. Platz ist in der Einrichtung für bis zu 92 Asylbewerber. Dafür, dass sie ins Leben in Deutschland finden, ist die Caritas zuständig. Die Sozialpädagogin Avery Toppan leitet die Einrichtung. Sie erzählt, wie nun das Spielzimmer eingerichtet werden soll. "Möbel und und Spielsachen haben wir gespendet bekommen", sagt sie. Kunst-Therapeutin Melanie Küpper hat eine Menge Ideen, wie sich die Kinder spielerisch-kreativ austoben können. "Sie sollen einfach wieder Kind sein können", sagt sie.

Avery Toppan hatte damit gerechnet, das Zusammenleben der Menschen organisieren zu müssen. Einen Putzplan wollte sie ausarbeiten - alles unnötig. "Die Leute sind super hilfsbereit untereinander", sagt sie. "Sie verstehen sich sehr gut und arbeiten super zusammen." Putz- und Kochdienste haben die Bewohner unter sich eingeteilt, sie kaufen selbst ein, versorgen sich selbst.

Aber sie brauchen auch Hilfe. Am Montagnachmittag kommt das Schulamt zu Besuch. Die Kinder sollen bald in die Schule gehen können und lernen. Auch die Eltern sollen bald Sprachkurse machen können. Gestern Abend traf sich eine Reihe Ehrenamtler, um die Sprachförderung zu organisieren. Am Donnerstag bereits folgten mehrere Dutzend Hilfsbereite der Einladung der Caritas ins Haus International, um sich einzubringen. Die Hilfe muss jetzt koordiniert werden. Eine arbeitslose Kinderpflegerin bietet Betreuung an, eine Frau möchte einen Walking-Treff organisieren, eine andere will vorlesen. Dorata Hegerath von der Caritas strahlt: "Bis jetzt waren wir in der unangenehmen Situation, dass wir keine Hilfe anbieten konnten, weil wir keine Flüchtlinge hatten. Jetzt kommen sie endlich, und wir können die Angebote starten", sagt sie.

Vor allem aber ist Hilfe in der Betreuung und Freizeitgestaltung wichtig. "Die Bewohner brauchen etwas zu tun, um sich nicht zu langweilen", sagt Avery Toppan. Sie will jetzt einen Zeitplan mit verschiedenen Aktionen für die Bewohner aufsetzen. Sofern die dabei nicht auch schon schneller waren.

Quelle: NGZ
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