| 00.00 Uhr

Neuss
Der Online-Wahlk(r)ampf

Neuss: Der Online-Wahlk(r)ampf
Thomas Nickel (CDU) Homepage 55555 Facebook 55544 Twitter 44444 FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)
Neuss. Nicht alle haben eine Webseite, keiner twittert - so nutzen die fünf Bürgermeister-Kandidaten das Netz zur Werbung. Von Andreas Gruhn

Eine kluge Online-Strategie wird im Wahlkampf immer wichtiger. Das gilt besonders für Einzelkandidaten. Sie können in sozialen Netzwerken Teil des Lebensalltags der Nutzer werden, direkt in Dialog treten, sich selbst vorstellen, interessierte Wechselwähler mobilisieren. US-Präsident Barack Obama perfektionierte den Online-Wahlkampf mit seinen beiden Präsidentschafts-Kampagnen. Er sammelte hunderte Millionen Dollar im Netz, scharte die Unterstützer um sich und sammelte Daten von mehr als 200 Millionen Bürger. Seine lokalen Wahlkämpfer erfuhren so per Handy-App, in welchem Haus unentschlossene Wähler wohnten. In Deutschland ist das in dieser Tiefe zwar nicht möglich. Und doch ist ein gute Online-Strategie wichtig. Das haben aber nicht alle Kandidaten in Neuss bisher genutzt. Eine mitreißende, fantasievolle Kampagne hat keiner der Kandidaten.

Thomas Nickel (CDU) Der älteste Kandidat nutzt das modernste Medium am intensivsten - findet Werbeexperte und Design-Professor Wilfried Korfmacher. Nickels Strategen legen großen Wert auf einen zeitgemäßen Auftritt, wohl, um Vorbehalten gegen Nickels Alter keinen Raum zu bieten. Korfmacher findet: "Die Webseite von Thomas Nickel ist die beste im Wahlkampf. Sie ist einfach, modern und zeitgemäß. Die Seite wird viel für ihn tun." Vermutlich ist sie aber auch die teuerste. Ein Vorzug von Nickels Seite (www.thomasnickel.de): Das Webdesign ist responsiv, das heißt, es passt sich dem Gerät an. Wer mit dem Smartphone auf Nickels Seite geht, muss nicht lange mit den Fingern heranzoomen. "Die Bedienbarkeit ist gut, das Wichtigste ist auf der Startseite untergebracht, sie ist sehr bildhaft und hat eine gute Dramaturgie", sagt Korfmacher. Bei Facebook ist Nickels Team ähnlich aktiv und postet auf der "offiziellen Fanseite" seit November 2014 kontinuierlich. Das gefällt 956 Personen (Stand gestern). Auf Twitter verzichtet Nickel ganz, und in dem Videoportal Youtube hat die CDU Neuss vor wenigen Tagen den ersten Clip eingestellt, einen eineinhalb-minütiger Wahlwerbespot. Darin inszeniert sich Nickel auffällig im Gespräch mit jungen Wählern. Zuschauer Stand gestern: 843.

Reiner Breuer (SPD) Der Landtagsabgeordnete schneidet mit seiner Webseite (www.reiner-breuer.de) bei Werbeexperte Korfmacher weniger gut ab. "Die Seite wirkt sehr bürokratisch und sieht aus wie ein Gesetzbuch. Der Seitenbau entspricht nicht dem heutigen Standard." Durch Pressemitteilungen wird die Startseite lang und unübersichtlich. "Die Schrift ist klein, sie sagt aber nicht die wesentlichen Worte", bemängelt Korfmacher. Weiterer Nachteil: Die Seite ist nicht optimiert für Besuche per Smartphone. Pluspunkte sammelt Breuer hingegen bei Facebook und leidlich auch bei Twitter. Sein Auftritt in dem sozialen Netzwerk ist sein eigener und keine Fanseite, deshalb hat er auch 1333 Freunde statt Fans - die Vernetzung ist besser. Breuer ist zudem der einzige Kandidat mit einem Twitter-Account. Dort erreicht er 118 Follower. Der letzte seiner 78 Tweets ist allerdings mehr als drei Jahre alt. Ein ungepflegter Twitter-Zugang ist nicht viel besser als ein nicht vorhandener. Dafür schlägt Breuer bei Youtube zu: Die SPD Nordstadt hat dort ein 27-minütiges Video mit einem Interview zu diversen Themen veröffentlicht. Das ist kein Wahlwerbe-Spot mehr, sondern eine textgeladene mittelschwere Doku, die immerhin nach Themen unterteilt anklickbar ist. Bis gestern hatte das Werk 63 Aufrufe.

Susanne Benary-Höck (Grüne) Die einzige Frau im Wahlkampf verzichtet auf eine eigene Seite. Benary-Höck hat auf der Webseite ihrer Partei (www.gruene-neuss.de) eine Seite - wie alle anderen Ratsmitglieder auch. Dort stellt sie sich vor, aktuelle Aktivitäten sind auf der Startseite der Partei platziert. Dort ist auch das Flugblatt Benary-Höcks als Datei zum Durchlesen verlinkt. Dazu sind Termine zur "BürgermeisterINwahl" verlinkt. Schwachpunkt: Auch ihre Seite ist für Smartphones nicht optimiert. Auf Facebook ist sie weniger aktiv. Seit dem Start im Mai 2014 gibt es ganze sechs Posts. Wer mehr erfahren will, muss mit ihr dort befreundet sein. Stand gestern sind dies 168 Nutzer. Auf Twitter und bei Youtube findet sie nicht statt.

Klaus Brall (Zentrum) Eine eigene Seite hat auch er nicht. Auf der Seite der Partei gewährt er eher einen Blick ins Archiv des Internets. Der aktuellste Eintrag des Neusser Zentrums sind dort Neujahrsgrüße 2014. Bei Twitter und Youtube findet sich nichts zu Brall, dafür hat er nun ganz neu Facebook entdeckt: Er nutzt das Netzwerk seit Anfang August für den Wahlkampf und veröffentlicht dort Interviews, Ansichten und tritt in den Dialog mit dem Nutzer. Der Auftritt ist zwar jung (sieben "Gefällt mir"-Klicks), aber ordentlich.

Ahmet Tuzkaya (BIG-Partei) Wer den fünften Kandidaten im Netz sucht, findet - so gut wie nichts. Die Seite der BIG-Partei ist altbacken und inaktuell, auf Facebook, bei Twitter und Youtube ist Tuzkaya nicht vertreten. Wahlkampf 0.0.

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Neuss: Der Online-Wahlk(r)ampf


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.