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Michael Wolffsohn
"Der Rechtsradikalismus wird wachsen"

Neuss. Der Historiker Michael Wolffsohn kommt zu einem VHS-Vortrag nach Neuss. Aktuell beschäftigen ihn Wege zum Frieden.

Neuss "Zum Weltfrieden. Dem Wahnsinn ein Ende setzen" ist der Titel des aktuellen Buches von Professor Michael Wolffsohn, das auch die Basis für einen Vortrag am Montag, 26. Oktober, um 20 Uhr, des Historikers in Neuss bildet. Veranstalter ist die Volkshochschule, Ort das Zeughaus. Im Kontext der massiven Flüchtlingsbewegungen beschäftigt sich Wolfssohn mit grundlegenden gesellschaftspolitischen Fragen.

Herr Wolffsohn, Sie kommen zurück aus Ihrem Geburtsland Israel, wo man täglich mit der Gefahr lebt, in Ihre Heimat Deutschland, wo angesichts täglich Zigtausender Flüchtlinge in manchen Orten die Lunte brennt. Ist das Ausdruck von deutscher Wohlstands-Hysterie?

Michael Wolffsohn Nein, denn aus der Menschheitsgeschichte wissen wir, dass Neuankömmlinge selten von den jeweiligen Einheimischen mit offenen Armen empfangen werden. Denken Sie an die Ostflüchtlinge nach 1945. Da brannten keine Häuser, aber Freundlichkeit sieht anders aus. Dass geschah, wohlgemerkt, unter Deutschen. Traurig, aber wahr.

Wie groß ist Ihre Sorge vor einem auch hier wachsendem Rechtsradikalismus?

Wolffsohn Der Rechtsradikalismus wird leider wachsen. Wie im übrigen Europa. Noch geht es uns gold. Aber die Riesenmehrheit der Deutschen ist gegen den selbstmörderischen und mörderischen Schwachsinn des Rechtsextremismus immun. Dieser Rechtsextremismus ist eine Reaktion innerhalb der bevölkerungspolitischen Revolution, die Deutschland derzeit noch intensiver durchlebt als andere westeuropäische Staaten.

Stimmt Ronald Reagans Satz, dass ein Staat, der seine Grenzen nicht sichern kann oder gar will, aufhört, ein Staat zu sein?

Wolffsohn Reagan hin oder her. Das sagten auch andere, und es stimmt. Wichtiger: Die Grenzen eines Staates sind zugleich die Markierungen eines Werte- und Rechtsraumes. Wer seine Grenzen nicht schützt, gibt seine Werte auf.

Herfried Münkler stellte auf der Frankfurter Buchmesse sein neues Buch vor, in dem es heißt, der Krieg sei nie verschwunden, er habe nur neue Gestalt angenommen. Richtig?

Wolffsohn Ja. Herfried Münkler ist einer der nicht sehr zahlreichen Kollegen, die nicht nur viel Wissen addieren, sondern denken.

Ihr jüngstes Werk zum Thema Weltfrieden führt zur bangen Frage, ob es überhaupt jemals Frieden allerorten geben wird. Oder stimmt am Ende gar der Zynismus des alten von Moltke, wonach der ewige Friede ein Traum und nicht einmal ein schöner sei?

Wolffsohn Ein Traum, aber ein schöner. In "Zum Weltfrieden" entwickele ich gangbare Vorschläge. Wohlgemerkt gangbare, die zu inner- und zwischenstaatlichem Frieden führen können. Oft sind sogenannte Lösungen, gar realistische, das Problem, weil sie nur scheinbar realistisch sind. Das gilt auch für die Zweistaaten-"Lösung" Israel-Palästina. Was nicht richtig gedacht wird, kann nicht richtig gemacht werden. Leider wird nicht nur bezüglich Nahost falsch gedacht und daher falsch gemacht. Das gilt für fast alle Kriegs- und Konfliktherde. Auch das zeige ich in "Zum Weltfrieden".

Lassen sich die zuströmenden Flüchtlinge aus zerfallenden Staaten wie etwa Syrien auch als eine Art indirekter Kriegserklärung der Armen dieser Welt an die Wohlhabenden interpretieren?

Wolffsohn Ganz im Gegenteil. Diese Menschen suchen bei uns Frieden und Wohlstand. Sie fliehen vor ihren eigenen Killern. Ein ganz anderes Beispiel: Aus dem islamistischen Nord-Sudan fliehen Muslime vieltausendfach zum vermeintlichen Todfeind, nach Israel, dem Jüdischen Staat.

Bekommt der Westen für seine außenpolitischen Sünden im Nahen und im erweiterten Nahen Osten -siehe zum Beispiel den US-Krieg im Irak - die Quittung?

Wolffsohn Nicht nur der Westen. Die Sowjetunion, heute Russland hat da fröhlich mitgemischt. Aber: Das ist keine Quittung, denn die Flüchtlinge fliehen in den Westen nicht aus Rache, sondern weil der Westen ihr Wunschtraum ist. Wir bilden uns ein, wir, der Westen, wären ein Albtraum. Was für ein Unsinn.

REINHOLD MICHELS STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: NGZ
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