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Neuss
Die Charts des lieben Gottes

Neuss. RP-Redakteur Wolfram Goertz, Musiker und promovierter Mediziner, hatte zum "Hör-Abend" geladen. Im voll besetzten Pauline-Sels-Saal präsentierte er eine große musikalische Bandbreite und überraschte mit unerwarteten Übergängen. Von Hansgeorg Marzinkowski

Pauline-Sels-Saal im Romaneum war brechend voll besetzt: Erstmals hatte die Musikschule der Stadt Neuss einen "Hör-Abend" veranstaltet - von und mit Wolfram Goertz. Der Musikredakteur der Rheinischen Post hat auch beim Ableger Neuß-Grevenbroicher-Zeitung viele Fans, einige lassen sich sogar seine Rezensionen in den Urlaub nachschicken.

"Die Charts des lieben Gottes" hatte Wolfram Goertz mit einem heftigen Augenzwinkern den Abend betitelt. Er wollte den Nachweis erbringen, dass Gott einen sehr weiten Kulturbegriff und viele Platten im Regal hat. "Wir wissen als gut aufgeklärte Christen, dass Gott barmherzig ist. Aber wir wissen nicht, was er hört und auf welcher Anlage er seine Platten abspielt." Weil Gott sich aber um alle Menschen sorgt, hatte Wolfram Goertz mit seiner Playlist eine außerordentliche Bandbreite hinsichtlich des denkbaren Publikumsgeschmacks abgedeckt. "Das Kartenspiel" von Bruce Low war der Einstiegskatechismus. Der niederländische Schlagersänger unterlegt seine biblische Geschichte arg kitschig mit einer "Air" von Johann Sebastian Bach. Sein Top-Hit in Deutschland war "Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand".

Mit intelligenten und oft humorigen Kommentaren gelingt es Wolfram Goertz, das Publikum auch von absurden Übergängen zu überzeugen. Das nahm mit großer Heiterkeit an, wenn nach dem prächtigen "Hallelujah" von Leonard Cohen Karel Gott sein Lied von der "Biene Maja" singt. Darauf folgt mit "Cantate Domino" von Arvo Pärt eines der wunderbarsten Stücke zeitgenössischer Chormusik.

Alle Hörbeispiele kamen übrigens in erstklassigen Interpretationen über die Saalanlage hervorragend beim Publikum an, das allerdings vor Überraschungen nie sicher war. Auf das wunderbare Duett "Domine Deus" aus der "c-Moll-Messe" von Wolfgang Amadeus Mozart folgt "Sankt Pauli" aus dem Album "Hammer & Michel" (2014) des Hamburger Rocksängers Jan Delay. Kommentar Wolfram Goertz: "Gott sagt sicher: 'Donnerwetter, was für ein Text!'" Und weil Jan Delay wie sein Vorbild Udo Lindenberg näselt, liest er den Text vor. Im Refrain heißt es: "Auf Sankt Pauli ist noch Licht, da ist noch lange noch nicht Schicht!" Der wiederum schroffe Übergang macht mit dem "Opus summum" Johann Sebastian Bachs bekannt: Das "Dona nobis pacem" aus seiner "h-Moll-Messe" erklingt dabei in einer neuen und "einzigartigen" (Wolfram Goertz) Einspielung des Prager "Collegium 1704" unter Václav Luks. Als der Musikredakteur das Album "Tears oft the World" von Mighty Sam McClain erhielt, war der Soul- und Blues-Sänger, wie sich Goertz erinnert, in der Nacht zuvor (16. Juni 2015) im Alter von 72 Jahren verstorben. So wurde das mit dem norwegischen Blues-Gitarristen Knut Reiersrud aufgenommene Album zu seinem Vermächtnis.

Dazu passte dann ganz wunderbar der Gesang der Engel "In Paradisum" aus dem "Req uiem op. 48" von Gabriel Fauré, wiederum in der First-Class-Edition des "Choir of King's College" Cambridge unter der Leitung von Stephen Cleobury. Der herzliche und dankbare Applaus des "Hör-Abend"-Publikums ließ Wolfram Goertz spontan versprechen: "Ich komme gerne wieder in die Neusser Musikschule. Meine Vorstellung ist ein Hör-Abend mit Liebesduetten. Daran arbeite ich gerade."

Quelle: NGZ
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