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Jürgen Sturm
"Die Generation Y interessiert uns"

Jürgen Sturm: "Die Generation Y interessiert uns"
"Geld alleine entscheidet nicht": Jürgen Sturm ist Geschäftsführer von Neuss Marketing. FOTO: A. Woitschützke
Neuss. Der neue Geschäftsführer von Neuss Marketing will auch die Zielgruppe der 20- bis 35-Jährigen ins Auge fassen.

Herr Sturm, Sie haben das Zeughaus als Treffpunkt für das Interview vorgeschlagen. Warum?

Jürgen Sturm Weil das die gute Stube der Stadt ist. Das Zeughaus ist das Vorzeigeobjekt, wenn man Gäste empfängt.

Nach fast 16 Jahren in Troisdorf sind Sie im Juni zu Neuss Marketing gewechselt. Warum dieser Schritt?

Sturm Neuss ist von der Größe her als Stadt sehr interessant. Sie ist einerseits recht groß, hier passiert einiges. Aber andererseits ist Neuss so überschaubar, dass die Stadt nicht anonym ist. Man kennt sich und hat schnell Kontakte geknüpft.

Für einen Archäologen ist Neuss wegen der Funde im Boden spannend. Was ist für einen Geographen, wie Sie einer sind, interessant?

Sturm Die Geschichte der Stadt spielt natürlich eine große Rolle, das greifen wir auch im Stadtmarketing auf. Geographisch ist die Lage der Stadt spannend. Die Nähe zu den Großstädten ist Fluch und Segen zugleich. Wir leben in einem Ballungsraum, der viel Potenzial bietet was die Kaufkraft angeht. Deshalb ist es wichtig, diese Kaufkraft mit interessanten Angeboten zu binden. Das ist leichter in einer Stadt, die weiter wächst.

Wie haben Sie Ihren alten Kollegen den Wechsel erklärt?

Sturm Ich wollte die Chance nutzen, etwas Neues zu machen und thematisch neue Aspekte zu entdecken.

Und wie erklären Sie Ihnen den typischen Neusser?

Sturm Wir sind ja alle Rheinländer. Wir wissen zu leben, zu genießen und zu feiern. Das hat eine Qualität, und das merkt man bei Nüsser Genüsse oder dem Schützenfest. Es gibt eine hohe Identifikation mit der Stadt, aber auch mit den Stadtteilen. Die Neusser treten zurecht selbstbewusst auf.

Und welche Eigenheiten verschweigen Sie lieber?

Sturm (lacht) Bisher haben die Neusser ihre negativen Seiten mir gegenüber gut versteckt.

Was hat Sie an Ihrer neuen Aufgabe gereizt?

Sturm Wir haben bei Neuss Marketing unterschiedliche Ressorts, die wir enger miteinander verknüpfen wollen.

Zum Beispiel Tourismus und Einkaufen?

Sturm Genau. Mit Veranstaltungen wie dem Mittelaltermarkt locken wir Gäste in die Stadt, die hier wiederum einkaufen. Wir kümmern uns aber auch um andere Zielgruppen: Neubürger und Arbeitskräfte, die woanders wohnen. Wir bieten Stadtrundfahrten mit historischen Bussen in der Mittagspause an, um Menschen, die am Stadtrand arbeiten in die Innenstadt zu bringen.

Was hat Sie in den ersten Monaten am meisten überrascht?

Sturm Ich habe mich intensiv mit meiner Aufgabe beschäftigt und gut vorbereitet. Da ich in meiner ganzen Berufslaufbahn in öffentlichen Betrieben gearbeitet habe weiß ich, wie Politik tickt und dass man Vieles gemeinschaftlich abstimmen muss. Es geht darum, Interessen zu koordinieren. Man wird es nie allen recht machen können. Aber ich habe bisher niemanden getroffen, der gesagt hätte: Diese oder jene Veranstaltung brauchen wir nicht mehr. Es gibt immer kleine Stellschrauben, an denen man drehen kann. Insgesamt arbeitet Neuss Marketing auf einem hohen Niveau.

Welche neuen Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Sturm Wir wollen herausfinden, was wir für die Zielgruppe der 20- bis 35-Jährigen machen könnten. Die Generation Y interessiert uns. Da sollten wir mehr machen.

Was heißt das konkret?

Sturm Das wissen wir selbst noch nicht, wir haben bei Neuss Marketing einen Altersschnitt von 52. Also befragen wir die Zielgruppe: Wir wollen wissen, was sie sich wünschen in Neuss. Welche Angebote ihnen fehlen. Was sie in die Innenstadt lockt. Und wie wir sie überhaupt mit neuen Angeboten erreichen. Facebook reicht da nicht mehr. Deshalb veranstalten wir ein junges Ideenforum mit Workshops, um Ideen zu sammeln und neue Formate zu entwickeln.

Haben Sie dafür mehr Geld zur Verfügung?

Sturm Unser Etat ist gleich geblieben. Wenn wir das Grundgerüst beibehalten, dann haben wir nicht viel Spielraum. Deshalb müssen wir ganz genau überlegen, in welche Projekte wir reingehen. Der Etat spielt natürlich eine Rolle, aber wichtiger sind gute Ideen. Geld alleine entscheidet nicht.

Welche Werbekampagne würden Sie gerne für Neuss entwerfen, um mehr Touristen in die Stadt zu locken?

Sturm Neuss ist keine Feriendestination, sondern neben der Zielgruppe der Geschäftsreisenden interessant für Tagestourismus. Die meisten Besucher in der Touri-Info sind übrigens Neusser. Das Spannende ist, ihnen Dinge zu zeigen, die sie noch nicht kennen.

Ihr Vorgänger Peter Rebig hat eben stark aufs Binnenmarketing gesetzt und etwa auf eine Teilnahme an der Tourismusmesse ITB verzichtet. Halten Sie an der Strategie fest?

Sturm Ich werde mir anschauen, ob die ITB interessant ist. Wir werden im nächsten Jahr einen Schwerpunkt auf Radtourismus legen. Wir haben schöne Touren anzubieten, da kann man noch ein bisschen mehr machen.

Wenn nun ein reicher Investor käme und Ihnen einen Wunsch für eine Großveranstaltung bezahlen würde - welche wäre das?

Sturm Das ist eine Strategiefrage. Natürlich hat eine einzelne Veranstaltung überregionale Anziehungskraft. Aber das muss nicht immer funktionieren. In Troisdorf haben wir ein Einkaufscenter mit einem Konzert von Brings eröffnet. Die Stadt war voll, aber kein Mensch war in den Geschäften. Unsere Strategie, Menschen mit mehreren Veranstaltungen auf hohem Niveau in die Stadt zu holen, halte ich für sinnvoller als ein Rolling-Stones-Konzert im Rennbahnpark.

Der Online-Handel bedroht vielerorts die Existenz von Innenstädten. Wie reagieren Sie darauf in Neuss?

Sturm Das Marketing für die Innenstadt läuft über die Zukunftsinitiative ZIN...

...in der Sie auch im Vorstand sitzen.

Sturm Unser Citymanager arbeitet zu 80 Prozent für ZIN. Wir übernehmen die operative Arbeit und unterstützen die ehrenamtlichen Vorstände damit.

Was wollen Sie tun?

Sturm Das Angebot muss so interessant sein, dass der Kunde kommt. Viele Fußgängerzonen sind uniform, gerade Einkaufscenter sind in Teilen austauschbar. Durch das Online-Geschäft geht natürlich Kaufkraft für den stationären Einzelhandel verloren. Wir werden diese Entwicklung nicht aufhalten. Deshalb müssen wir versuchen, die City attraktiv zu halten mit hoher Aufenthaltsqualität.

Was halten Sie von einem lokalen Ebay wie in Mönchengladbach oder der "Online-City Wuppertal"?

Sturm Wir verfolgen die Ideen, das Absatzpotenzial zu erweitern und lokale Anbieter bekannter zu machen, sehr genau. Die Städte gehen alle unterschiedliche Wege und experimentieren viel. Das digitale Schaufenster ist der erste Schritt für uns. Dabei werden jedem Anbieter Stichworte zugeordnet, über die der Nutzer ihn finden kann.

Wenn Sie die leeren Büchel-Arkaden sehen - macht Sie das traurig?

Sturm Ja. Das Problem sind oft nicht die fehlenden Nutzer, sondern liegt auf der Seite der Eigentümer. Gerade Immobilienfonds tun sich schwer damit, ihre Objekte anzupassen und Investitionen zu tätigen. Trotzdem ist die Ansprache der Eigentümer der wichtigste Schlüssel.

ANDREAS GRUHN STELLT DIE FRAGEN

Quelle: NGZ
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