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Neuss
Die Hütte glüht

Neuss: Die Hütte glüht
So sieht die Elektrolyse, das Herz des Rheinwerks, aus. In einer Reihe befinden sich 52 Ofenzellen, in denen es 960 Grad heiß ist. Insgesamt werden im Rheinwerk derzeit 318 Zellen befeuert, 156 weitere ruhen noch. FOTO: Thomas Ernsting
Neuss. Im Neusser Rheinwerk produziert der Hydro-Konzern jährlich künftig mehr als 230 000 Tonnen frisches und recyceltes Aluminium. Von Andreas Gruhn

Das Herz der größten Alu-Hütte Deutschlands pocht in zwei Kammern. Die dritte ruht derzeit, aber das Rheinwerk pulsiert, in seinen Öfen brodelt das flüssige Aluminium, und das ist für die 700 Beschäftigten im Rheinwerk wie eine große Befreiung nach Jahren der Unsicherheit. Das kann man Jan Peterlic ansehen. Das Rheinwerk ist hochgefahren und schmilzt Aluminium für den Weltmarkt.

Der Chef des Neusser Rheinwerks geht jeden Tag selbst mindestens einmal durch die Produktion. Zur Elektrolyse, wo flüssiges Aluminium produziert wird. In die werkseigene Kohlenstoff-Fabrik, wo in der Kokserei die benötigten Kohlenstoff-Blöcke in gigantischen Öfen gebacken werden. Und in die Gießerei, die aus dem Flüssigaluminium Walzbarren für die Weiterverarbeitung formt. "Die Reinheit unseres Aluminiums liegt bei 99,85 Prozent. Damit ist das Rheinwerk in Kombination mit den Recyclingkapazitäten im besonderen Vorteil gegenüber anderen Hütten", sagt Peterlic. "Nur mit unserem Rein-Aluminium können wir besonders hochwertige Anwendungsbereiche mit hoher Qualität und gleichzeitig einem hohem Anteil an recyceltem Aluminium bedienen."

Die Elektrolyse: Das graue Pulver ist der Rohstoff Aluminiumoxid.

Dafür wird in derzeit 318 Ofenzellen neues Aluminium in der Elektrolyse hergestellt. Und das funktioniert so: In der feuerfesten Stahlwanne wird der Rohstoff, das Aluminium-Oxid-Pulver, eingefüllt in die stets 960 Grad heiße Badschmelze. Auf dem Grund der Wanne befindet sich negativ geladener Kohlenstoff, und von oben wird langsam und kontinuierlich ein positiv geladener Kohlenstoff-Block in das Bad eingeführt. Diese Kohlenstoff-Blöcke werden in einer eigenen Fabrik auf dem Werksgelände hergestellt. Etwa 80 000 davon werden im Jahr in der Elektrolyse verbraucht.

Ein Alu-Barren aus der Gießerei reicht für zwei Millionen Dosen. FOTO: Hydro

Als dritter Rohstoff wird noch elektrischer Strom zugeführt. So läuft in der Stahlwanne unter großer Hitze ein elektrochemischer Prozess ab, eben die Elektrolyse, die aus dem pulverigen Aluminium-Oxid flüssiges Aluminium macht. "Die Elektrolyse läuft automatisch, aber der Wechsel der Anoden, das Absaugen des flüssigen Metalls und verschiedene andere Tätigkeiten in den Ofenlinien erfordern immer noch viel Handarbeit", sagt Peterlic.

Das flüssige Aluminium wird alle 32 Stunden wie mit einem Strohhalm abgesaugt, in Container geleitet und in die Gießerei gefahren. So entstehen in den beiden aktiven der insgesamt drei Ofenlinien im Jahr rund 155 000 Tonnen Primäraluminium. Zusammen mit dem recycelten Aluminium (derzeit 45 000 Tonnen, das neue Recyclingcenter wird diese Kapazität verdoppeln) wird in der Gießerei künftig 230 000 Tonnen Aluminium in Barren geformt und ins benachbarte Walzwerk von Alunorf geschickt. Dort werden sie zu Bändern und Folien gewalzt und auf Rollen unter anderem ins Hydro-Werk nach Grevenbroich geliefert - das ist das Alu-Dreieck.

Der Aufwand, frisches Aluminium herzustellen, ist immens. Aber es wird gebraucht im Weltmarkt. Der Bedarf wächst, er kann nicht nur mit recyceltem Aluminium bedient werden. Dafür nimmt man den immensem Stromverbrauch einer Alu-Hütte in Kauf. "Um eine Tonne Aluminium herzustellen, brauchen wir knapp 14 000 Kilowattstunden, liegen damit im internationalen Wettbewerb im guten Mittelfeld", sagt Peterlic. "Wir haben aktuell eine Anschlussleistung von 270 Megawatt. Mit dieser Leistung könnte man mehr als alle Haushalte der Stadt Neuss betreiben." Fällt der Strom einmal aus, dann wird es ernst. Nach zwei bis drei Stunden fällt die Temperatur in der Elektrolyse unter die Grenze von 950 Grad. Dann wird der Elektrolyt fest und kann nicht mehr geschmolzen werden. Die gesamte betroffene Zelle muss mit schwerem Gerät abgerissen und neu gebaut werden. "Eine totaler Stromausfall über einen längeren Zeitraum würde das gesamte Rheinwerk für etwa ein Jahr stilllegen", sagt Peterlic.

Daran verschwendet nach Jahren der Krise keiner einen Gedanken. Ende 2015 soll die neue Recycling-Anlage ihren Betrieb aufnehmen - eine Investition von 45 Millionen Euro. Die hilft, den Vorsrpung vor der Konkurrenz in Fernost zu halten. Peterlic: "Konkurrenz auf dem Markt sorgt dafür, dass wir unsere Stärken weiterentwickeln müssen."

Quelle: NGZ
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