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Neuss
Die Informanten für die Wirtschaft

Neuss. Daten als Geschäftsmodell - das machen Wirtschaftsauskunfteien seit über 100 Jahren. Sie übermitteln Unternehmen ihre Einschätzung über die Bonität eines Geschäftspartners. Datenschützer wollen nun das Geoscoring verbieten. Von Andreas Gruhn

Wenn Thomas Riemann aus dem Fenster seines Büros im neunten Stock schaut, hat er eine beeindruckende Aussicht über Neuss. Er schaut über die Rennbahn, zum Hafen, der Blick streift das Quirinusmünster. Von seinem Schreibtisch aus sieht er aber noch viel mehr, was vielen Leuten wiederum gar nicht gefällt: Er kann sehen, wie es um die Zahlungskraft von Verbrauchern und Unternehmen bestellt ist und gibt Auskunft, wenn ein Kunde das wissen will. So funktioniert das bei Wirtschaftsauskunfteien wie der Creditreform, bei der Riemann als Justiziar tätig ist: Wer einen Kredit beantragt, einen Handyvertrag abschließt oder einen Kauf auf Rechnung tätigen will, über denjenigen will der Geschäftspartner Bescheid wissen, ob er sich das denn auch leisten kann. Das Scoring, also die Note der Auskunfteien wie Schufa oder Creditreform, gibt dazu eine Einschätzung. Etwa eine Million Anfragen erreichen die sieben großen Auskunfteien täglich. "Wir beseitigen die Informationsungleichheit zwischen Unternehmen und Kunden", sagt Riemann. "Das führt dazu, dass häufig Geschäfte zustande kommen, die es sonst nicht geben würde."

Wer so arbeitet, bringt jeden Datenschützer gegen sich auf. Im Moment hat es der 59-Jährige deshalb vor allem mit etwas ganz anderem zu tun: Nämlich als Geschäftsführer des Verbandes der Wirtschaftsauskunfteien dafür zu sorgen, dass die Auskunfteien auch weiter so arbeiten können, wie sie es bisher dürfen. "Wir sammeln Daten, recherchieren klassisch in Registern, in den Medien, bei den Betroffenen selbst, beschaffen Informationen zu offenen Forderungen oder gerichtlichen Titeln", sagt Riemann.

Und viele Auskunfteien verwenden eine Praxis, die äußerst umstritten ist: Geoscoring. Dabei wird die Adresse als Benotungsmerkmal herangezogen - die Nachbarschaft als schlechter Leumund. "Nehmen Sie ein Hochhaus mit 150 Parteien, von denen die Hälfte einen Schuldverzeichnis-Eintrag hat", sagt Riemann. "Wenn Sie darin wohnen, kann das eher negative Folgen für die Bonität haben als bei jemandem, der in einer Villa am Stadtrand wohnt."

Die Adresse des Betroffenen kann also dafür sorgen, dass sein Scoring schlecht ausfällt, ein Autokäufer müsste dann eventuell höhere Zinsen zahlen. Riemann widerspricht: "Niemand wird aufgrund seiner Adresse schlecht benotet." Wenn der Villenbewohne seine Unterkunft im Gegensatz zum bescheidenen Mieter im Mehrparteienhaus nicht mehr bezahlen kann, nützt ihm auch die gute Adresse nichts. Das Gesetz erlaubt es lediglich, diese Praxis als ein Merkmal von mehreren zur Benotung zu verwenden.

Das wollen Datenschützer ändern. Die Grünen etwa haben im Bundestag einen Gesetzentwurf eingebracht, Geoscoring zu verbieten. Eine Mehrheit dafür zeichnet sich im Parlament nicht ab. Wichtiger ist aber ohnehin die Datenschutz-Verordnung der EU. In Brüssel wird eine Datenschutzreform beraten, die gerade im Ministerrat kursiert. Riemann und seine Kollegen vom Verband haben alle Hände voll zu tun, ihren Einfluss geltend zu machen. Sie wollen die gesetzliche Regelung in Deutschland behalten und warnen vor strengen Verboten wie in Frankreich oder sehr laxen Vorgaben wie in Großbritannien. "Die bisherige Regelung ist zufriedenstellend, weil sie in statistischen Merkmalen Zusammenhänge aufzeigt", sagt Riemann. "Wir haben die richtige Balance zwischen dem notwendigen Datenschutz des Bürgers und der Notwendigkeit der Unternehmen, mit diesen Daten arbeiten zu dürfen."

Seit fünf Jahren haben Bürger das Recht, einmal im Jahr bei den Auskunfteien eine Eigenauskunft anzufordern. 2010 gab es einen großen Ansturm auf die Auskunfteien, mittlerweile liegt die Zahl der Eigenauskünfte bei rund 850 000 im Jahr.

Quelle: NGZ
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