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Neuss
Die Kunst eines kritischen Christen

Neuss: Die Kunst eines kritischen Christen
Rogier van der Weydens "Bildnis einer Dame mit Flügelhaube" (1435-1440) ist die Vorlage für die Grafik von Matthias Klemm. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Im Foyer der evangelischen Dietrich-Bohoeffer-Kirche an der Einsteinstraße stellt der Leipziger Künstler Matthias Klemm seine Arbeiten aus. Sie setzen sich mit Glaubensfragen auseinander und spiegeln kritisch die Wirklichkeit. Von Rudolf Barnholt

Presbyter Harald Frosch (67) stammt aus Leipzig - ebenso wie der Künstler Matthias Klemm. Seit Mitte der 1980er-Jahre ist Frosch mit Matthias Klemm und seiner Frau Gabriele freundschaftlich verbunden. Kennengelernt haben sie sich im ehemaligen "Freundeskreis christliches Buchgewerbe". Als Drucker hatte Frosch bereits zu DDR-Zeiten mit Klemm an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zusammengearbeitet. Damals sind einige Lithografien entstanden - eine mit einem Text von Günther Eich ist nun auch im Foyer der Dietrich-Bohoeffer-Kirche zu bewundern.

Die Ausstellung mit den Werken von Klemm hatte schon Jörg Hübner vor einigen Jahren ins Auge gefasst, allein die damals anstehenden (heute abgeschlossenen) Umbauarbeiten machten den Plan zunichte. Nun freut sich Frosch, dass die Schau zustande gekommen ist.

In einem Gotteshaus auszustellen, ist für den 75-jährigen Künstler die normalste Sache der Welt. Der Absolvent der Hochschule für Bildende Künste Dresden und der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig erinnert sich: "Galerien waren in der DDR staatlich gelenkt. Ich konnte in Kirchen Arbeiten ausstellen, die ich in den Galerien niemals hätte zeigen dürfen."

Matthias Klemm, der bereits vor der Wende in West-Berlin, der Schweiz und Finnland Ausstellungen hatte und der sich als kritischer Christ bezeichnet, bedient sich einer Bildsprache, die - nicht immer, aber recht häufig - Assoziationen zu theologischen Themen wecken. "Ich möchte mit meinen Bildern einen Anstoß zum Nachdenken geben", sagt der Künstler, dem 2012 die Ehrenmedaille der Stadt Leipzig verliehen worden war.

Seine Bilder haben nicht selten mit der Auseinandersetzung des Menschen mit dem Sinn des Lebens zu tun. Die Pietà, die Darstellung der Mutter Gottes mit ihrem gekreuzigten Sohn, bringt Matthias Klemm in eine aktuelle Fassung: Ein Syrer hält sein totes Kind im Arm. Die Bilder von Matthias Klemm erweisen sich bei genauem Hinsehen nicht selten als Collagen. Christliche Inhalte möchte der Künstler nicht vorrangig über seine Kunst transportieren - dies sei ein Zusatznutzen für alle, die für christliches Gedankengut empfänglich sind.

Ganz aktuell hat er sich mit dem Reformator Martin Luther - passend zum Lutherjahr 2017 - auseinandergesetzt. Klemm zerschnitt nicht nur dieses Bild in Streifen. "Die Kraft der Liebe" heißt ein Bild - eine Rose gedeiht trotz des Stacheldrahts, der sie umgibt: "Ich möchte das Negative nicht ausblenden, aber das Positive schon stärker betonen", erklärt der Künstler. Seine Arbeiten versprühen Kraft, Energie, verkörpert durch Farbspritzer, wie sie nur bei einem entschlossenen Gestaltungsprozess entstehen. Die interessante Ausstellung ist noch bis Ende Dezember zu sehen.

Quelle: NGZ
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