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Kriegsende und Neuanfang im Rhein-Kreis (6)
Die Rückkehr zu Freiheit und Demokratie

Neuss. Nach 1945 bildete sich in der Region eine neue politische Kultur. Doch der Anfang war schwer. Zunächst galt es, die schlimmste Not zu bekämpfen. Diese Aufgabe fiel auch den Kommunalpolitikern zu. Von Martin Oberpriller

Fast war es ein Katz-und-Maus-Spiel - nur dass die Protagonisten nicht immer wussten, welche Rolle sie gerade einnahmen. Neuss im Frühherbst 1946: Die britische Besatzungsmacht hat für Oktober in allen Kreisen, Städten und Gemeinden des gerade gegründeten Landes NRW Kommunalwahlen angeordnet. Auch in der Quirinusstadt sind Wahlhelfer im Einsatz. Schon seit Wochen schwärmen die meist jungen Parteimitglieder allabendlich aus, um die eigenen Plakate aufzuhängen - und, wenn die Gelegenheit günstig ist, die der Konkurrenz auch mal verschwinden zu lassen.

"Wir haben uns gegenseitig die Plakate abgerissen", erinnert sich Heinz Günther Hüsch bis heute schmunzelnd. Hüsch, der später für die CDU im Bundestag saß, war damals gerade 17 Jahre alt. Wie viele seiner Altersgenossen hatte er die Grauen des NS-Regimes sowie des Zweiten Weltkrieges aus nächster Nähe erlebt. Doch nun, lediglich ein gutes Jahr nach Ende des "Dritten Reiches", brannten diese Jungen darauf, in eine bessere, demokratische Zukunft aufzubrechen. Wobei der Weg in die Freiheit seinerzeit bisweilen eben auch über kleine "Machtkämpfe" auf der Straße führen konnte.

Tatsächlich ging die CDU im Herbst 1946 als Siegerin aus den Wahlen hervor. Im noch kreisfreien Neuss kam die Partei auf 55,2 Prozent, im alten Landkreis Grevenbroich erreichte die Union sogar 55,9 Prozent. Damit begann vor allem in Neuss damals eine politische Ära, die die die Stadt bis Ende der 50er Jahre maßgeblich verändern sollte.

"Es ist die Zeit der ,Fraktion Neuß'", kennzeichnet Stadtarchivar Jens Metzdorf die Periode des Wiederaufbaus, die geprägt war von einer Zusammenarbeit der beiden großen Parteien. Wohl blieb die CDU auch in späteren Wahlen in der Stadt sowie im Landkreis stärkste Kraft. Aber alleine "regieren" konnte die Partei einstweilen nicht - weswegen die Union im Neusser Stadtrat bis 1959 ein informelles Bündnis mit der SPD einging - eben die "Fraktion Neuß".

In der Rückschau erscheint diese Kooperation als Erfolgsmodell. Unter der Führung von CDU-Oberbürgermeister Alfons Frings (1946 bis 1961), sowie mithilfe des langjährigen Oberstadtdirektors Josef Nagel gelang es den Verantwortlichen nämlich, die Stadt wieder aufzubauen.

Dabei waren die Startbedingungen gleich in mehrfacher Hinsicht alles andere als einfach gewesen. Zum einen glich Neuss, wie viele Orte im heutigen Rhein-Kreis, zu Kriegsende einer Trümmerlandschaft. "Dementsprechend mussten große Investitionen getätigt werden", sagt Stadtarchivar Metzdorf, der die Verabschiedung von Stadthaushalten nach 1945 bis heute für eine der größten Aufgaben hält, die die erste Generation der Nachkriegspolitiker zu schultern hatte.

Doch noch etwas Zweites kam hinzu. Wie überall im besetzten Deutschland agierten die Kommunalpolitiker auch in Neuss sowie im Landkreis Grevenbroich quasi auf Bewährung. Die Alliierten, die das Land von der Diktatur befreit hatten, standen zunächst allen Deutschen skeptisch gegenüber.

So half es beispielsweise den Sozialdemokraten in der Region unmittelbar nach Kriegsende überhaupt nicht, dass viele von ihnen - wie auch Christdemokraten aus der alten Zentrumspartei - über Jahre in den Lagern und Zuchthäusern des NS-Regimes verschwunden waren oder von den Nazis gar ermordet worden waren. Die Amerikaner als Befreier und später die Briten als Besatzungsmacht dachten in der ersten Friedensphase gar nicht daran, die Deutschen an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Dementsprechend schwer fiel es deutschen Demokraten, von sich aus aktiv zu werden. Treffen politisch Gleichgesinnter waren nach der Befreiung im Frühjahr 1945 lediglich in Privatwohnungen möglich. Die Neusser SPD etwa wurde in einem Wohnhaus an der Hermannstraße wiedergegründet. Und auch Christdemokraten wie Liberale blieben einstweilen auf private Zirkel beschränkt.

Eine Lockerung der restriktiven Bedingungen gab es erst im Sommer 1945, als die Briten schließlich in ihrer Besatzungszone die Bildung demokratischer Parteien genehmigten. Gleichwohl, auch danach blieb das politische Geschäft mühsam. Das traf insbesondere für die Katholiken zu. Denn für sie galt es, abseits aller weiterer Schwierigkeiten, überdies eine prinzipielle Entscheidung zu treffen: Sollte das Zentrum, das als politischer Arm des Katholizismus jahrzehntelang die führende Kraft in der Region gewesen war, wiedergründet werden? Oder verlangte die Zukunft mit ihren Herausforderungen doch eher nach einer neuen Partei, die dann auch evangelischen Christen offenstehen sollte?

Während im Landkreis die sprichwörtlichen Würfel schnell fielen und an etlichen Orten bereits Mitte 1945 die CDU aus der Taufe gehoben wurde, zog sich der Gründungsprozess der neuen Partei in der Stadt Neuss länger hin. Erst am 4. November 1945 trafen sich in der Innenstadt insgesamt 55 Männer und Frauen, die am Ende ihrer Zusammenkunft die Weichen stellten: In der Quirinusstadt wurde das katholische Milieu fortan ebenfalls von der CDU repräsentiert - und das Zentrum spielte nur noch eine untergeordnete Rolle.

Tatsächlich gelang es den Verantwortlichen während der jetzt folgenden Jahre, die Trümmerlandschaften beiseite zu räumen. Vor allem nach der Währungsreform 1948 setzte eine wirtschaftliche Erholung ein, die sich zusehends auch in den wiederaufgebauten Städten und Gemeinden in der Region widerspiegelte.

So schafften es die Neusser zum Beispiel, bis 1954 ein neues Rathaus zu errichten. Der Bau war seinerzeit zwar nicht unumstritten gewesen. Aber am Ende bedeutete das Rathaus gleichwohl einen enormen Fortschritt - zumal der Rat und die Verwaltung somit nicht länger mit Provisorien vorlieb nehmen mussten.

Für ein gutes Jahrzehnt verwandelten sich damals die Städte der Region in wahre Baustellen - was im übertragenen Sinn auch für die ganze Gesellschaft galt, die damals einen enormen Transformationsprozess durchlief.

Durch den Zuzug vieler Flüchtlinge aus den alten Ostgebieten verschob sich in Neuss wie auch im Kreis Grevenbroich die Zusammensetzung der Bevölkerung. In der traditionell katholischen Region wuchs der Anteil der Protestanten - was wiederum für die noch junge CDU die erste parteipolitische Bewährungsprobe bedeutete.

Eine Bewährungsprobe, die die Union bestand. Zwar konnte die zu Beginn der 50er Jahre bundesweit starke und rechtsgerichtete Partei GB/BHE (Gesamtdeutscher Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) auch in Neuss sowie im Kreis eine Zeit lang Wähler an sich binden. Doch auf Dauer gelang es der CDU und den anderen Parteien SPD sowie FDP angesichts des nun beginnenden Wirtschaftswunders, die evangelischen Neubürger zu integrieren.

Ende der 50er war dieser Prozess dann abgeschlossen - und auch in der Region begannen sich die politischen Koordinaten zu verschieben. 1959 zerfiel beispielsweise die "Fraktion Neuß", da die SPD - mit anderen Parteien sowie an der CDU vor bei - mit Günther Kuhnt einen eigenen Oberstadtdirektor durchsetzte.

An der Vormachtstellung der Union in der Stadt sowie in der Region änderte dies aber nichts. Bei den nächsten Kommunalwahlen 1961 erreichte die CDU sowohl in Neuss als auch im Kreis erstmals die absolute Mehrheit. Eine Stellung, die Partei für viele Jahre behalten sollte.

Quelle: NGZ
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