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Neuss
Die Spielarten der Liebe

Neuss: Die Spielarten der Liebe
Das Entsetzen Sara Sampsons (Johanna Freyja Iacono-Sembritzki, r.) über die Enthüllungen von Marwood (Linda Riebau), der Ex-Geliebten ihres zukünftigen Mannes, hält nicht lange an. Sie will ihn unbedingt und sieht über seinen Fehltritt hinweg. FOTO: Björn Hickmann
Neuss. Regisseur Ronny Jakubaschk hat Lessings "Miss Sara Sampson" im RLT behutsam ins Moderne geholt. Von Helga Bittner

Für 49,95 die Nacht gibt es Cable TV, Phone, Aircondition und Pool - alles Dinge, die ein Wirtshaus zu Lessings Zeiten kaum kannte. Aber auch dieses "Paradise Motel" im Irgendwo ist nicht viel besser als die Absteige, in der der gutaussehende Mellefont und "Miss Sara Sampson" untergekommen sind, nachdem sie aus Liebe Hals über Kopf aus ihrem Vaterhaus geflohen sind. Seit neun Wochen harrt das Paar dort nun schon aus. Mellefont zögert die versprochene Heirat ständig hinaus, und in Sara wächst die Verzweiflung.

Regisseur Ronny Jakubaschk hat Lessings bürgerliches Trauerspiel in seiner Inszenierung am RLT in ein zeitloses, eher modernes Umfeld gestellt (Ausstattung: Anna Sörensen), das Personal des Stücks auf sechs Personen zusammengestrichen, den Gesamttext auch gekürzt - aber die Sprache Lessings gewahrt. So siezen sich die beiden Liebenden, was angesichts des Umfelds zunächst ein wenig merkwürdig anmutet, aber im Laufe der rund zweieinhalbstündigen Aufführung jede Fremdheit verliert. Die Sprache Lessings behält ihre Schönheit ebenso wie ihre Aussagekraft, weil der Zugriff des Regisseurs und das Spiel des Ensembles sich kongenial entsprechen.

Jakubaschk fokussiert das Stück auf eine Frage: Was ist Liebe? Eine Antwort kann und will er gar nicht geben, aber er zeigt die Spielarten, wie sie zu jeder Zeit anzufinden sind und auch immer anzufinden sein werden. Dafür verändert er behutsam und sehr stimmig Akzente in der Charakterzeichnung der einzelnen Figuren, setzt die Menschen in den Lessingschen Kosmos, die heute wie gestern oder morgen leben können.

Er legt einen Subtext unter die Zeilen, den insbesondere Johanna Freyja Iacono-Sembritzki (Sara), Bernhard Glose (Mellefont) und Linda Riebau (Marwood) mit Gesten, Mimik und Betonungen punktgenau umsetzen. Diese drei tragen die Aufführung, machen sie mit Joachim Berger (Sir William Sampson) und Pablo Guaneme Pinilla (Wirt) zu einer packenden und dichten Inszenierung, deren Spannung nicht einen Moment nachlässt - was die Musik von Christoph Iacono noch unterstützt.

Der unstete, impulsive und sympathische Mellefont liebt seine Sara sicherlich - und stößt sich dennoch daran, dass er sie ja auch lieben soll. Sara hingegen liebt das Bild, das sie sich von Mellefont gemacht hat. Risse übertüncht sie lieber, als dass sie seine und ihre Liebe hinterfragt - auch als sie erfährt, dass er mit seiner früheren Geliebten Marwood ein Kind hat.

Marwood hingegen liebt selbst- und kompromisslos. Zehn Jahre hat sie Mellefonts Gespielinnen akzeptiert, weil sie wusste, dass er wieder zu ihr zurückkehrt. Mit Sara ist das anders. Und so ist ihr Verrat an Mellefont eine reine Verzweiflungstat. William Sampsons vielbeschworene Vaterliebe hat dagegen mehr mit Besitzdenken zu tun. Nur Beobachter all dessen ist der Wirt, ein Menschenkenner, der gleichwohl lieber seinen Mund hält als den steten Trinkgeldfluss zu gefährden.

Dass Jakubaschk und Dramaturg Reinar Ortmann das Ende der Geschichte verändern, ist nur konsequent - und in der Idee genial. Diese Sara und dieser Mellefont können nicht einfach nur sterben und dadurch ihren Vater und Mellefonts Tochter Arabella (Mina Riebau/Angelina Sophia Wetzler) vereinen. Nein, in dieser Version finden alle Vier zu einer Familie zusammen, für viele "glückliche Tage", wie Vater Sampson bestimmt. Sara und Mellefont sehen nicht so aus, als ob die wirklich kommen ...

Quelle: NGZ
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