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Neuss
Die Stadtbibliothek - ein geschützter Raum für Flüchtlinge

Neuss: Die Stadtbibliothek - ein geschützter Raum für Flüchtlinge
Eine Fülle von anderssprachigen Medien hat die Stadtbibliothek mittlerweile in ihrem Programm. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Bibliothekschef Alwin Müller-Jerina sieht sein Haus als Hort der Medien, aber auch als Kontaktbörse und Informationsquelle. Von Helga Bittner

Wenn Alwin Müller-Jerina, Leiter der Stadtbibliothek Neuss, nach dem Angebot seiner Institution, das Flüchtlinge bei der Eingewöhnung unterstützt, gefragt wird, fällt die Antwort anders aus als erwartet. Denn als erstes nennt er - "das Haus an sich". In der Stadtbibliothek sei es warm, sie sei werbefrei, es gebe genug Ecken, um zu sitzen, es werde niemand zum Verzehr verpflichtet. Und: "Unser Haus bedeutet gerade für muslimische Mädchen, dass es ihnen einen geschützten Raum anbietet." Satzungskonform reagiert die Mannschaft um Müller-Jerina dabei nicht, ergänzt er lächelnd: "Eigentlich darf sich in der Stadtbibliothek nur aufhalten, wer auch einen Leihausweis besitzt, aber wir kontrollieren das natürlich nicht."

Zudem bietet sich die Stadtbibliothek als Kontaktpunkt zu Freunden und Familie in der eigentlichen Heimat und als Informationsquelle an, denn WLAN und Computer sind ohne Passwort zu benutzten. "Das alles ist schon mal ein Pfund, mit dem wir wuchern können", sagt Müller-Jerina. Aber er weiß auch genau, dass das bloße Vorhandensein dieser Pluspunkte nicht reicht.

"Wir brauchen dafür Vermittler", sagt er, denn das Angebot müsse erst mal in den Flüchtlingsunterkünften bekannt sein. Von sich aus, das weiß er aus bisheriger Erfahrung, finden die wenigsten den Weg zum Neumarkt, wo die Stadtbibliothek untergebracht ist. "Aber wer einmal da ist, der kommt wieder."

Ihm wird das Haus so schlicht wie möglich nahegebracht. Führungen in verschiedenen Sprachen werden angeboten, "die Informationen sind so einfach wie möglich gefasst", sagt der Bibliothekschef. So findet man sie auch auf der Homepage: "Professionell übersetzt". 3000 fremdsprachige Zeitungen stehen über das "Library press display" zur Verfügung, es gibt mittlerweile sehr viele zweisprachige Bücher im Bestand, die mit Hilfe von Bildern Kindern wie Erwachsenen die deutsche Sprache vermitteln. Mit Hilfe des Fördervereins der Stadtbibliothek werden auch zweisprachige Vorleser ausgebildet.

Die Beschaffung der Bücher sei längst nicht mehr so schwierig, hat Müller-Jerina festgestellt. Mittlerweile haben sich auch die Verlage auf die Flüchtlingsströme aus unterschiedlichen Ländern eingestellt und reagieren, indem sie entsprechendes Material für hierzulande auch exotische Sprachen wie Amharisch herausgeben. (Das ist die offizielle Amts-, Arbeits- und Handelssprache in Äthiopien, sie wird von etwa 20 Millionen Muttersprachlern in Äthiopien gesprochen.) "Die Einkaufszentrale für Bibliotheken bietet inzwischen entsprechende Pakete an, aber man kommt mit der Reaktion kaum so schnell nach, wie sich die Situation ändert." Material in Sprachen aus den als "sichere Herkunftsländer" eingestuften Staaten werde zum Beispiel inzwischen weniger nachgefragt.

Aber die Bibliothek ist nicht nur ein Haus der Bücher, sondern auch der Filme. "Beamer, Laptop oder DVD-Player gibt es mittlerweile in fast allen Flüchtlingsunterkünften", sagt Alwin Müller-Jerina, "und in unserem Katalog ist verzeichnet, welcher Film in welchen Sprache zu sehen ist. Das geht bis zu den Untertiteln."

In dem Punkt tut sich indes auch die große Schwierigkeit auf, mit der alle Bibliotheken kämpfen. Ausgeliehen wird nur gegen Ausweis, der in Neuss 19 Euro pro Jahr kostet. Das sei für manche Flüchtlingsfamilie jedoch zu viel, sagt Müller-Jerina, aber an möglichen Sponsoren für diese Ausweise mangele es auch nicht. Allerdings bleibe dabei die Haftungsfrage zu klären. Theoretisch haftet nämlich der Sponsor bei Verlust oder Beschädigung der Medien: "Aber das will natürlich keiner." Vermutlich, so ergänzt er, "müssen wir einfach großzügiger werden, was einen gewissen Schwund betriff".

So sehr der Bibliothekschef auch darauf achtet, das Angebot seines Hauses den Bedürfnissen und Erfordernissen der Flüchtlingsarbeit anzupassen, so genau weiß er auch, was sein Team nicht leisten kann: "Wir können keine Deutschkurse geben. Wir können nur alles dafür tun, dass die Menschen außerhalb dieser Kurse die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden."

Quelle: NGZ
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