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Neuss
Die "Wunschstadt" hat keine Straßen

Neuss: Die "Wunschstadt" hat keine Straßen
Ron Brinitzer, Vorsitzender des Fördervereins Alte Post, lässt sich von Anaïs und Johanna (beide neun Jahre alt) in die Baugeheimnisse der neuen "Wunschstadt" auf dem Vorplatz des Kulturforums einweihen (im Hintergrund Künstlerin Sibyll Rautenberg). FOTO: Lothar Berns
Neuss. Seit 2011 wird jedes Jahr eine Woche lang auf dem Vorplatz der Alten Post gebaut. In einer sieben mal sieben Meter großen Sandkiste setzen Acht- bis Zwölfjährige ihre Vorstellungen von einer Stadt um. Von Helga Bittner

Die Arena ist noch in Arbeit, vom Baumarkt ist erst der Rohbau zu sehen, und das Baumhaus ist auch noch nicht ganz fertig. Aber im Zoo fühlen sich schon Elefanten und Krokodile wohl, die Brücke über dem Tal ist so sicher, dass die alte Dame mit dem Rollator sich traut, sie zu nutzen, und auf dem Spielplatz wimmelt es von Kindern. Das Strandcafé ist auch gut besetzt. Alles mitten in Neuss.

Aber vielleicht heißt dieser Flecken auch gar nicht so. "Mögen am See" war mal so ein Name, den die Stadtplaner ihrem Entwurf gegeben haben, aber letztendlich geht es auch weniger um eine Bezeichnung als vielmehr um die Idee. Deswegen entsteht schon seit 2011 jedes Jahr aufs Neue für eine Woche die "Wunschstadt" vor den Toren der Alten Post. Gebaut von etwa 30 acht- bis zwölfjährigen Kindern, von denen viele schon zum wiederholten Mal oder auch als Nachfolger der inzwischen zu alt gewordenen Geschwister dabei sind.

Anaïs (9) zum Beispiel baut zum ersten Mal mit, ist für ihre ältere Schwester nachgerückt und hat gleich auch ihre beste Freundin Johanna (9) (und deren Eltern) überzeugt. Ein rundes Wohnhaus haben die beiden gebaut, einen Spielplatz und ein Strandcafé direkt an einem Wasserbecken, dessen Plastikschale aus dem Umfeld aus Sand, Ton, Stöcken und Blättern heraussticht. Aber ohne Wasser geht es nicht, das gilt schon seit Beginn an, also muss jedes Mal ein auslaufsicheres Behältnis her, das in die sieben mal sieben Meter große Sandkiste versenkt wird.

Die beiden Künstler Heribert Münch und Sibyll Rautenberg leiten die Aktion, die vom Förderverein der Alten Post finanziert wird, von Anfang an. Und sind jedes Mal wieder überrascht, was sich Kinder einfallen lassen, mit welchem Eifer sie diskutieren und gemeinsam entscheiden, was in die Wunschstadt gehört und was nicht. Straßen zum Beispiel wurden nun komplett gestrichen. "Wir haben SUVs und Fluggeräte" zitiert Rautenberg lachend die kindlichen Stadtplaner. Sie und Münch sind nicht nur die Helfer bei kniffligen Bauten wie dreistöckigen Wohnhäusern, sondern steuern die Aktion auch, indem sie die Kinder zum Nachdenken und Reden anregen. Da geht es zum Beispiel darum, sich Geschichten zu den gebauten Häusern, Plätzen oder großen Einrichtungen auszudenken. "Einer beginnt mit ,Es war einmal eine Stadt...' und alle anderen machen das dann genauso", erzählt Rautenberg und stellt zudem fest: "Die Kinder tauchen regelrecht ein in diese Miniaturwelt." Zweimal am Tag wird zur "Stadtversammlung" gerufen: "Natürlich geht die auch nicht ohne Streit ab", sagt die Künstlerin, "aber am Ende gibt es immer ein Ergebnis."

Und wie sieht nun die Wunschstadt 2016 aus? Sie besteht aus vielen Einzelteilen, selbst der große Sandberg in der Mitte wurde in zwei Hügel aufgeteilt (jedoch mit Hängebrücke verbunden). Und es gibt ein Theater, ein Museum (mit einem Dinosauriergerippe), Denkmäler, ein Rathaus, einen großen Marktplatz, ein Kino, eine Bücherei, eine Bowlingbahn, eine "Neunerbahn" (in Form einer großen Neun), ein Lukas-Krankenhaus (weil Lukas es gebaut hat) - und ein "Klamottengeschäft".

Der Baumarkt wird bis heute auch noch fertig, ebenso wie die Arena. Darin wird allerdings nur Basketball gespielt. Darauf hat Ideengeber Sava bestanden.

Quelle: NGZ
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