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Neuss
Ein Abend voller Swing und greifbar gemachter Geschichte

Neuss. Mit dem Musiktheaterstück "Die Ballade vom Horizont" bietet das Neusser Theater am Schlachthof (TaS) beste Unterhaltung. Von Dagmar Fischbach

Es ist das Jahr 1945. Eine Fahrt über den Atlantik. "Wenn man so auf das weite Meer hinausschaut, kann man sich gar nicht vorstellen, dass das alles passiert ist in der Welt." Die Frau, die diese Worte spricht, hat fünf Jahre zuvor ihre Heimat verlassen: Rosemarie (Reinhild Köhncke), eine Jüdin, geflüchtet vorm Naziterror in Deutschland.

Auch Lizzie (Franka von Werden), Maggie (Anke Jansen) und Charlie (Marlene Zilias) sind Flüchtlinge. Sie waren in Neuss die Gypsy Sisters, Sängerinnen, deren Lebensgefühl der Swing ist. Doch die Swing-Jugend wurde vom Nazi-Regime verfolgt. Die Frauen entkamen gemeinsam, verloren sich in Amerika aus den Augen. Bis Lizzies Freund, der Pianist Jimmy (Edwin Schulz), eine Tournee zusagt. Singen für die Army. An der Front. In Germany.

"Die Ballade vom Horizont" erzählt von Aus- und Heimwanderung. Zugegeben, die von Autor Jasper Sand erdachte Geschichte hat einige logische Lücken: Wie kann ein Telegramm die offenbar ohne festen Wohnsitz im Viehwaggon durch die Staaten tourende Beerdigungsmusikerin Charlie erreichen? Warum trägt ihre gerade noch in Lumpen gehüllte Partnerin Rosemarie plötzlich edlen Zwirn und ist von so großer Bedeutung für die Alliierten, dass sie sich den Sängerinnen mit den Worten anschließt, "ich muss nach Nürnberg. Wenn der Krieg vorbei ist, wollen die Amerikaner den Nazis den Prozess machen. Ich wurde gebeten, zu helfen, weil ich auch Polnisch spreche"? Aber die Story ist dicht und packend. Die Darsteller agieren absolut überzeugend. Und die eigentliche Hauptrolle ist blendend besetzt: die Musik.

Es ist ein Streifzug durch die Kriegsjahre mit Evergreens wie Glenn Millers "Chattanooga Choo Choo", George Gershwins "Summertime", dem "Havanna-Song" von Brecht/Weill und "You'll Never Walk Alone" aus dem Broadway-Musical "Carousel" - großartig interpretiert und von fabelhaften Stimmen vorgetragen.

Das Bühnenbild gibt ihnen einen perfekten Rahmen. Mit schlichten Mitteln werden die Zuschauer in schummrige Bars, wacklige Zugwaggons oder auf luxuriöse Schiffe geholt. Schwarz-Weiß-Filme von vorbeirauschender amerikanischer Landschaft und Bilder eines zerbombten Deutschlands machen die gespielte Zeit fühlbar.

Mit der "Ballade vom Horizont" wird im TaS die Geschichte der Gypsy Sisters weiter erzählt, die als "Swing mit dem Feuer" vor einem Jahr begann. Doch sie erschließt sich auch für sich allein. Das von Markus Andrae inszenierte Musiktheaterstück ist keine seichte Unterhaltung für zwischendurch. Es lässt nachdenklich zurück. Denn es macht Geschichte greifbar und deutlich, dass Flüchtlingssituationen keine Erfindung der Jetzt-Zeit sind. Doch dank der grandiosen musikalischen wie stimmlichen Leistungen und einer guten Portion Humor wird "Die Ballade vom Horizont" niemals schwermütig, sondern bietet beste Unterhaltung.

Quelle: NGZ
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