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Analyse
Ein Geschenk fragt nach unserer (Lebens-)Kultur

Analyse: Ein Geschenk fragt nach unserer (Lebens-)Kultur
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Neuss. Wenn der Rat heute über die Annahme der Jugendstil-Sammlung und den Erweiterungsbau des Clemens-Sels-Museums abstimmt, hat das weitreichende Konsequenzen für die Politik der Zukunft. Gleichgültig, wie die Abstimmung ausgeht: Die Politik steht an einem Scheideweg. Von Helga Bittner und Ludger Baten

Stellen Sie sich vor, in Neuss gibt es kein Shakespeare-Festival, keine Internationale Tanzwochen, kein Kulturforum Alte Post, kein Theater am Schlachthof, kein Rheinisches Landestheater (an der Oberstraße), kein Museum Insel Hombroich und keine Deutsche Kammerakademie. Ja, was wäre aus dieser Stadt geworden?

Eine Schlafstadt vermutlich, zwischen Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach gelegen, weil die Grundstückspreise günstiger als in den Nachbarstädten sind, aber ohne eigenes Profil. Selbst der kleine Nachbar Kaarst liefe ihr als Kabarett-Zentrum noch den kulturellen Rang ab. Neuss wäre eine Stadt, deren Namen allenfalls dank der Autobahnabfahrten überregional bekannt ist, und die einmal im Jahr mit ihrem großen Bürger-Schützenfest Aufsehen erregt.

Natürlich sind das alles nur Gedankenspiele, aber nicht unmöglich. Wenn damals nämlich, vor mehr als 25 Jahren oder auch noch vor 16 Jahren, die Politik und bürgerliches Engagement nicht zugegriffen hätte, als sich die Chance bot, aus der Stadt mehr zu machen.

Selbst wenn wie im Falle der Insel Hombroich die Initiative von einem Privatmann ausgingt - auch Karl Heinrich Müller brauchte die Neus-ser Politiker und die Verwaltung, um seine Idee "Kunst parallel zur Natur" - übrigens gegen starken Widerstand in großen Teilen der Bevölkerung - umzusetzen. Das Globe kam in einer Kamikaze-Aktion nach Neuss, von der Wandlung der alten Post in den Kulturraum Alte Post, des früheren Schlachthofs in das Theater am Schlachthof, des Horton-Kaufhauses in das Rheinische Landestheater, von der Rettung der finanziell fast ruinierten Kammerakademie (DKN) wollten zunächst auch viele nichts wissen. Schließlich kostete alles viel Geld, das die Stadt zu keinem Zeitpunkt über hatte.

Und was ist daraus geworden! Globe-Festival, DKN, Tanzwochen oder das Museum Insel Hombroich sind Botschafter der Stadt. Die Alte Post mit ihrer Schule für Kunst und Theater ist einzigartig in der Bundesrepublik, und das Theater am Schlachthof hat sich eine Nische unter den freien Bühnen erobert.

Und dann ist da noch das Clemens-Sels-Museum. Mit einer hervorragenden Kunstsammlung, architektonisch eine Geschmacksache, aber als Museum nicht einfach zu bespielen, in der Technik auch nach der Sanierung nicht auf dem neuesten Stand. Wenn dieses Haus um die exquisite Jugendstil-Sammlung erweitert wird, schlägt die Stadt zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen rückt sie schlagartig in die Riege der mindestens national, wenn nicht sogar international bedeutenden Kunstzentren auf, und zum anderen sichert sie den Bestand des Neusser Hauses überhaupt.

Denn machen wir uns nichts vor. Der Deilmann-Bau funktioniert wieder. Im Moment. Aber wie sieht es in zehn, 15 Jahren aus? Wenn die energiekostenreiche Fußbodenheizung sich gar nicht mehr regulieren lässt? Wenn dadurch das Klima im Innern für empfindliche Kunst gar nicht mehr beherrschbar ist? Welches Museum leiht dann seine Werke noch nach Neuss für eine Ausstellung aus? Und wer mag noch regelmäßig das Clemens-Sels-Museum besuchen, wenn es den Wechselausstellungen an Qualität mangelt?

Mit der Entscheidung des Rates für oder gegen die Erweiterung und für oder gegen die Jugendstilkunst wird auch über die Zukunft des Museums entschieden. Dass eine Entscheidung viel Geld kostet, wird sich nicht ändern. Nicht jetzt und erst recht nicht in zehn Jahren.

Diese Erkenntnis ist weder neu, noch wurde sie erst durch das Angebot der Jugendstilsammlung wachgeküsst. Schon als die Spitzenvertreter von CDU und Bündnisgrünen den ersten schwarz-grünen Koalitionsvertrag verhandelten, war ihnen das Thema so wichtig, dass sie für das Clemens-Sels-Museum festschrieben: "Eine Erweiterung ist zu prüfen. Durch geeignete Maßnahmen soll die bestehende Stiftung belebt werden und der Kapitalstock erhöht werden. Andere Finanzquellen sollen erschlossen werden." Unterschrieben haben das Papier Jörg Geerlings und Helga Koenemann für die CDU, Susanne Benary-Höck und Michael Klinkicht für die Bündnisgrünen. Frage: Was sind die Absichtserklärungen politischer Parteien wert?

Und noch eins. Für den nachverhandelten Schenkungsvertrag erhält Bürgermeister Reiner Breuer zu Recht ungeteiltes Lob über alle Parteigrenzen hinweg. Dem Verwaltungschef ist es gelungen, die Risiken für die Stadt zu minimieren und neue Handlungsspielräume zu eröffnen. Nur, wer nutzt sie in der Diskussion? Auch wenn der Rat heute dem Jugendstilprojekt zustimmt, bindet er sich nicht abschließend. Dank des vertraglich garantierten Rücktrittsrechts gewinnt er Zeit zur baurechtlichen, planerischen, archäologischen und auch finanziellen Vorbereitung. Allerdings muss der Rat bereit sein, rund 1,5 Millionen Euro - so schätzen Experten - in die Planung zu investieren. Wäre diese Investition in eine Prüfung nicht genau das, was Schwarze und Grüne mit ihrer Koalitionsvereinbarung erreichen wollten?

Die Antwort, ob die Schenkung der Jugendstilsammlung angenommen werden soll, ist zwar keine Gewissensfrage, aber die Argumente der Befürworter und Skeptiker verdienen Respekt. Die Contra-Fraktion führt nahezu ausschließlich finanzielle Gründe ins Feld: Neuss müsse mit seinen begrenzten Mitteln sorgsam umgehen und vor allem Ausgaben in den Bereichen Soziales, Jugend, Schule bedienen. Was plausibel klingt, greift zu kurz. Ratsherr Dieter W. Welsink (CDU) formuliert es richtig, wenn er einen Paradigmenwechsel fordert: "Nicht Notwendigkeit, Freiwilligkeit oder Nice to have sind entscheidend, sondern fachlich begründete und von Weitsicht getragene Argumente zur innovativen Gestaltung unserer Stadt."

Allerdings bedeutet nicht nur die Annahme der Schenkung, wie Welsink schreibt, einen Wechsel in der Finanzpolitik, sondern auch die Ablehnung. Wenn künftig ausschließlich betriebswirtschaftliche, finanztechnische Argumente die Politik der Stadt bestimmen, kann das nicht ohne Stringenz für die Diskussion in weiteren Bereichen bleiben: Warum nimmt die Neusser Politik klaglos den 6,5 Millionen Euro teuren Neubau des Kreisarchivs in Zons hin? Warum sieht die Neusser Politik sprachlos zu, dass die roten Zahlen der Rhein-Kreis-Kliniken demnächst vom Kreishaushalt aufgefangen werden müssen? Die Stadt zahlt über die Kreisumlage rund 40 Prozent der Kosten.

Warum fragt niemand aus der Neusser Politik, warum ein stolzes Geldhaus wie die Sparkasse mit einer Bilanzsumme von sechs Milliarden Euro keinen Cent an seine Träger ausschüttet? Und die Fahrradautobahn macht betriebswirtschaftlich Sinn?

Die Entscheidung über die Annahme der Schenkung ist mehr als nur eine kulturpolitische Frage. Sie steht stellvertretend dafür, ob Neuss den Mangel verwalten will oder bereit ist, den finanziellen Handlungsspielraum zu definieren - Ist Neuss nun reich oder arm? -, in dem Politik die Zukunft gestalten kann.

Quelle: NGZ
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