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Gastbeitrag 40 Jahre Rhein-Kreis Neuss
Ein Kreis, der die Chancengleichheit erhöht

Gastbeitrag 40 Jahre Rhein-Kreis Neuss: Ein Kreis, der die Chancengleichheit erhöht
Die Mitglieder des Kreistages in dessen erster Wahlperiode stellen sich vor einer Sitzung im März 1979 dem Fotografen. Die Bildung des Kreises war lange umstritten. FOTO: Kreisarchiv
Neuss. 40 Jahre Rhein Kreis - der Kreisheimatbund Neuss und das Kreisarchiv diskutierten das Thema jetzt unter dem Titel: "In neuen Grenzen." In Grevenbroich beleuchteten Experten dieses Kapitel jüngster Geschichte. Von Lydia Merker U. Peter Ströher

Rhein-Kreis Aus Sicht vieler Experten musste etwas geschehen. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre gab es in der Bundesrepublik noch viele Gemeinden, die längst zu klein erschienen, um modernen Anforderungen zu genügen. Denn diese Gemeinden, die oftmals nur wenige hundert Einwohner hatten, schafften es immer seltener, eine geeignete Infrastruktur für ihre Bürger vorzuhalten.

Referenten und Gastgeber in Grevenbroich (v.l.): Stephen Schröder (Leiter Kreisarchiv), Franz-Josef Radmacher (Vors. Kreisheimatbund), Peter Dohms (eh. Staatsarchivdirektor), Prof. Sabine Mecking (Uni Duisburg-Essen), Landrat Hans-Jürgen Petrauschke, Gert Ammermann (eh. Kreisdirektor). FOTO: RKN

Darum lag der in dieser Zeit angestoßenen bundesweiten Gebietsreform vor allem der politische Wille zugrunde, mit der Schaffung größerer Städte die Lebensverhältnisse auch auf dem "platten Land" anzugleichen, berichtete die Duisburger Historikerin Sabine Mecking in ihrem Vortrag im Kreishaus in Grevenbroich. Ziel war es damals, für eine größere Chancengleichheit zu sorgen, weswegen auch der Landtag in Düsseldorf die Reform grundsätzlich befürwortete - und schließlich mit Wirkung zum 1. Januar 1975 den neuen modernen Rhein-Kreis aus der Taufe hob.

Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg gewesen. Denn, so Mecking, die Gemeindereform hatte nicht überall Freunde gehabt. Im Gegenteil, gerade vor Ort in Nordrhein-Westfalen "ging es richtig rund". Immerhin sollten am Ende des Reformprozesses mehr als 80 Prozent der Kommunen in NRW ihre Selbstständigkeit verlieren. Und viele Gegner der Neugliederung warnten vor einem drohenden Verlust an Identifikation. Ein Volksbegehren zeigte dementsprechend 1974 eine sehr unterschiedliche Resonanz: Während in den kleineren Gemeinden das Votum enorm hoch ausfiel, beteiligten sich in den Städten nur wenige Bürger. So scheiterte das Volksbegehren letztlich - und auch die Mehrzahl der über 100 Klagen beim NRW-Verfassungsgerichtshof in Münster wurden abgewiesen. Wie im Fall der um Kreisfreiheit kämpfenden Stadt Neuss, die mit ihrem Widerspruch am Ende ebenfalls scheiterte.

Dabei war dies aber nur der Abschluss einer jahrelangen Entwicklung im heutigen Rhein-Kreis Neuss. Im Bereich Dormagens, so trug es der frühere Kreisdirektor und heutige Kreistagsabgeordnete Gert Ammermann jetzt den mehr als 50 interessierten Zuhörern in Grevenbroich vor, hatte es 1969 zum Beispiel noch das sogenannte Amt Dormagen sowie das Amt Nievenheim und die Stadt Zons als jeweils selbstständige Gebietskörperschaften gegeben. Die Bildung einer gemeinsamen Stadt vollzog sich danach in zwei Etappen 1968/69 und 1974/75.

In den Gemeinden Dormagen und Hackenbroich, die im Amt Dormagen vereinigt waren, war schon über Jahre hinweg die Bereitschaft zum Zusammenschluss gewachsen. Das Ziel: Bei Bauleitplanung, Straßenreinigung, Wasserversorgung, Kultur und Sport sollte enger zusammengearbeitet werden. Dadurch wollten die Verantwortlichen zum Beispiel die Schaffung neuer Wohngebiete für das Chemiewerk vor Ort gemeinsam verwirklichen.

Die Abstimmung zwischen Dormagen und Hackenbroich verlief positiv: 1968 wurde der Gebietsänderungsvertrag geschlossen. Ende Juni 1969 bestätigte der Landtag dann die Auflösung des Amtes Dormagen, und zum 1. Juli 1969 entstand die Stadt Dormagen, allerdings noch nicht im heutigen Zuschnitt.

Wenige Jahre später gab es ganz neue Entwicklungen: Im benachbarten Neuss formulierte Oberstadtdirektor Franz-Josef Schmitt den Wunsch seiner Stadt zu wachsen und - angesichts der schon laufenden Diskussion um den geplanten Zuschnitt des späteren Kreises Neuss - die Kreisfreiheit von Neuss zu wahren.

Die Gemeinden in der heutigen Stadt Dormagen sahen sich dadurch gleich mehreren Szenarien gegenüber: Neuss wollte sich Gohr, Nievenheim und Straberg einverleiben, auf Zons hatte wiederum Düsseldorf seinen Blick gerichtet. Und Dormagen selbst sowie Hackenbroich sollten Köln zugeschlagen werden. "Das hätte das Ende einer selbständigen Stadt Dormagen bedeutet", erklärte Gert Ammermann.

Doch schließlich kam Hilfe von anderer Stelle. Der Kreistag des damaligen Kreises Grevenbroich widersprach dem Konzept, eine kreisfreie Rheinschiene zu schaffen. Ihm zufolge sollte vielmehr der Landkreis Grevenbroich einschließlich Dormagen und mit Neuss als Kreisstadt einen neuen Kreis bilden.

Zu diesem neuen Kreis, der am Ende tatsächlich Realität wurde, gehört auch die Stadt Meerbusch. Allerdings verlief dort die Entwicklung noch weit dramatischer als in Dormagen. 1970 aus mehreren Gemeinden gebildet, weckte die junge Stadt Jahre später nämlich ebenfalls Begehrlichkeiten bei den größeren Nachbarn. Meerbusch sollte zwischen Krefeld, Neuss und Düsseldorf aufgeteilt werden. Erst eine der wenigen erfolgreichen Verfassungsbeschwerden in Münster brachte Meerbusch schließlich den gesicherten Verbleib im heutigen Rhein-Kreis Neuss.

Das war im September 1975. Zu diesem Zeitpunkt bestand der neue Rhein-Kreis ein knappes Dreivierteljahr. Inzwischen existiert der Kreis, der seit 1990 offiziell Rhein-Kreis Neuss heißt, 40 Jahre. Und für den stellvertretenden Landrat Hans-Ulrich Klose, der ebenfalls in Grevenbroich mitdiskutierte, ist er längst ein Erfolgsmodell. Auch wenn seine Entstehung, so Klose, wenig harmonisch, sondern kämpferisch war.

Lydia Merker gehört zum Vorstand des Kreisheimatbundes, Peter Ströher arbeitet im Archiv des Rhein-Kreis Neuss.

Quelle: NGZ
 
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