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Neuss
Ein Macbeth des 21. Jahrhunderts

Neuss: Ein Macbeth des 21. Jahrhunderts
Noch lebt König Duncan (r.). Aber Macbeth (vorne) sinnt schon über seinen und Banquos (M.) Tod nach. FOTO: Christoph Krey
Neuss. Im Original spielt Shakespeares Drama "Macbeth" um 1040 - in, nach und vor einer Schlacht. Regisseur Guy Retallack zeigte beim Festival im Globe eine Version aus heutiger Zeit. Von Helga Bittner

Irgendwo herrscht immer Krieg. Was also liegt näher, als ein Stück, das mit einer Schlacht beginnt und endet, auf einem aktuellen Kriegsschauplatz spielen zu lassen? Wo der liegt, lässt Regisseur Guy Retallack in seiner Inszenierung des Shakespeare-Dramas "Macbeth" mit seiner Company Piper Productions aus London zwar offen, aber er muss zeitgenössisch sein. Denn seine Feldherren und Edelleute tragen bräunliche Tarnanzüge, haben Maschinengewehre über den Schultern hängen und Pistolen an den Hüften. Die beiden einzigen Frauen des Stücks, Lady Macbeth und Lady Macduff, sind heutig gekleidet: die eine im schicken Kleid und in Pumps, die andere - vermutlich weil auch Mutter kleiner Kinder - bequem in Stretchjeans und Shirt.

Die Bühne des Globe bleibt bis auf ein Tarnnetz und einen Stuhl kahl. Zu Beginn singen die Rolling Stones vielsagend "War, children, it's just a shot away" (aus "Gimme Shelter") und am Schluss "You can't always get what you want". Über dem ganzen Geschehen liegt ein permanenter Geräuschteppich. Geschützdonner, Motorenlärm von Hubschraubern, Motorrädern und Autos, so lange das Schlachtfeld auch Spielfeld ist.

Später in Macbeth' Schloss legt sich Stimmengewirr und Gläserklirren, das aus einem Festsaal dringt, unter die Szenen im Vordergrund. Macbeth zeigt da die ersten Anzeichen seines Wahnsinns, als ihm der Geist von Banquo, seinem Freund, den er ermorden ließ, erscheint. Alles passt. Allein, es will nicht packen.

An dieser Adaption ist nichts Geheimnisvolles, Dräuendes, das zum Nachdenken oder wenigstens -fühlen animiert. Serien wie "Homeland", "Generation Kill" und der Film "Jarhead" hätten ihn zu seiner Adaption inspiriert, sagt Retallack. Aber da hat er sich die Messlatte wohl zu hoch gelegt.

Seltsam steril, obwohl doch so viel Empathie im Spiel ist, läuft das Drama ab. Die Hexen als solche gibt es gar nicht. Fünf Schauspieler an fünf Mikrophonen übernehmen die Aufgabe, Macbeth die Königswürde und Banquo die Zukunft als Stammvater eines Königsgeschlechts (der Stuarts nämlich) vorauszusagen. Ein Hall-Effekt vermag immerhin ein bisschen unheimliche Stimmung zu erzeugen. Dass die vielen Morde nur erzählt, nicht gezeigt werden, passt allerdings in diese Lesart. Umso überraschender - und dann auch endlich verstörend - ist der Schluss, als ein Knacken vernehmlich klarmacht, dass Macduff Macbeth nicht einfach erschlagen, sondern ihm den Hals umgedreht hat.

Ansonsten wirkt die Inszenierung klinisch, können auch die Schauspieler nur gelegentlich eigene Akzente setzen, um den Charakter der eigenen Figur, ob in Kadavergehorsam oder Angst, sichtbar zu machen. Das gilt auch für die beiden Hauptfiguren, die Auslöser und Antreiber eines Abschlachtens sind, um das eigene ehrgeizige Ziel, den Thron von Schottland einzunehmen, zu erreichen.

Wenn überhaupt etwas in dem Spiel von Macbeth (Marcello Walton) und seiner Lady (Thea Beyleveld) deutlich wird, dann dieses: Solcherlei (Macht-)Gelüste kann jedes Paar überkommen. Auf dem Weg zum vermeintlich großen Ziel verliert es dann sich selbst. Aber zwingende Bilder hat Retallack dafür nicht gefunden. Großer Beifall.

Quelle: NGZ
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