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Neuss
"Ein Meister der Inszenierung"

Neuss: "Ein Meister der Inszenierung"
Ein Neusser in Rom: 1998 überbrachte Buchautor Michael Hesemann Papst Johannes Paul II. eine antike Pilgeröllampe aus Jerusalem. FOTO: privat
Neuss. Der Neusser Historiker Michael Hesemann hat gemeinsam mit dem Fotografen Arturo Mari ein Buch über den vor sechs Jahren gestorbenen Papst Johannes Paul II. verfasst. Es erscheint passend zur Seligsprechung des Papstes am kommenden Sonntag in Rom.

Herr Hesemann, Sie sind Johannes Paul II. mehrmals persönlich begegnet. Was hat Sie bei diesen Begegnungen am meisten fasziniert?

Michael Hesemann Ich hatte das Glück, dass mir mehrere persönliche Begegnungen mit diesem großen Papst gewährt wurden. Das ist natürlich nichts verglichen mit den täglichen Begegnungen, über 26 Jahre lang, die mein Co-Autor Arturo Mari als Leibfotograf Johannes Pauls II. hatte. Aber sie gaben mir die Möglichkeit, etwas vom Geheimnis und Charisma des Jahrtausend-Papstes zu erfassen. Nichts – und, um ehrlich zu sein, keine einzige Erfahrung oder Begegnung in meinem bestimmt nicht allzu langweiligen Leben – lässt sich jedoch vergleichen mit jenem 17. Dezember 1998, als ich eingeladen wurde, der Morgenmesse des Heiligen Vaters in seiner Privatkapelle beizuwohnen. Danach sollte ich ihn in seiner Bibliothek treffen und ihm meinen Forschungsbericht zur Reliquie der Kreuzesinschrift Jesu überreichen. Als ich die Kapelle betrat, war ich überwältigt. Es war, als sei alles von Licht erfüllt, als sei die Heiligkeit dieses Augenblicks physisch wahrnehmbar: Hier war ein Mystiker versunken in sein Zwiegespräch mit Gott! Seit dieser Begegnung bestand für mich kein Zweifel mehr, dass dieser Papst ein Heiliger war.

Aber Ihre erste Begegnung war schon sehr viel früher, nicht wahr?

Hesemann Ja, die war im November 1980, als Johannes Paul II. zum ersten Mal Deutschland besuchte und dabei auch nach Köln kam. Ich war damals gerade 16 Jahre alt und Ministrant der Pfarrei Hl. Dreikönige in Neuss, und natürlich fuhren wir zur Papstmesse. Ich erinnere mich noch gut daran. Das war so ein richtig grauer, regnerischer Novembertag, doch am Ende hatte sich das Warten und Frieren gelohnt. Wir waren überglücklich, den "neuen" Papst erlebt und mit ihm das Messopfer gefeiert zu haben, auch wenn wir dabei natürlich unendlich weit weg waren und kaum etwas gesehen haben. Ich hatte damals schon den großen Wunsch, ihm einmal persönlich zu begegnen, was mir natürlich als utopisch erschien. Erst 15 Jahre später war es dann so weit, dass ein befreundeter Monsignore mich ihm vorstellte.

Immer wieder wird von der großen Kontinuität zwischen Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gesprochen. Worin liegt diese Kontinuität?

Hesemann Die Kontinuität besteht schon darin, dass der Mann, den Johannes Paul II. eigens nach Rom berief, um die vielleicht wichtigste Aufgabe im Vatikan zu übernehmen, nämlich die Definition des christlichen Glaubens, jetzt Papst ist. Johannes Paul II. war ein großer Mystiker und Kommunikator, aber er war nie ein großer Theologe im eigentlichen Sinn. Dazu brauchte, deshalb schätzte er Ratzinger. Insofern ist die Kontinuität in erster Linie theologischer Natur. Aber auch sonst gibt es keinen großen Bruch zwischen den Pontifikaten. Im Gegenteil, Benedikt XVI. setzt ja alle Traditionen, die Johannes Paul II. begründet hat, wie die Weltjugendtage, die Weltfamilientreffen, die Papstreisen etc. konsequent fort.

Und wo sehen Sie die deutlichsten Unterschiede?

Hesemann Nun, zunächst einmal waren Karol Wojtyla und Joseph Ratzinger ganz unterschiedliche Menschen. Der eine leutselig und emotional, war ein großer Kommunikator, ein Meister der Inszenierung, der andere ist fast schüchtern, sehr bescheiden, dabei aber ein genialer Gelehrter. Zum Glück hat Benedikt XVI. nie versucht, seinen Vorgänger zu imitieren. So hat jedes Pontifikat seine eigene Note: Die Amtszeit Johannes Pauls II. war der Mission gewidmet, die Benedikts XVI. dem Lehramt. Bei ihm stehen der Kampf gegen den Relativismus, aber auch die Ökumene im Zentrum. Der Pole war kämpferischer, ein Mann der großen Gesten, für viele geradezu provokant, während der Deutsche die leisen, feinen, subtilen Töne und Gesten schätzt.

Die rasche Seligsprechung Johannes Pauls II. wird auch kritisiert. Ist sie nicht ein bisschen schnell gegangen?

Hesemann Umgekehrt gefragt: War nicht die Heiligkeit dieses Mannes schon zu Lebzeiten offensichtlich? Natürlich muss ein kirchlicher Seligsprechungsprozess ordnungsgemäß und mit aller notwendigen Gründlichkeit stattfinden. Doch ich denke, dessen waren sich alle Beteiligten bewusst. Da ist es eher gut und wohltuend, festzustellen, dass auch im Vatikan effizient und konzentriert gearbeitet werden kann. Immerhin hatte man ja doch sechs Jahre Zeit. Franz von Assisi etwa wurde nicht einmal zwei Jahre nach seinem Tod bereits heiliggesprochen, bei Mutter Teresa lagen ebenfalls sechs Jahre und ein Monat zwischen dem Tod und der Seligsprechung. Ich denke, es ist gut und richtig, auch Personen zur Ehre der Altäre zu erheben, die nicht in ferner Vergangenheit gelebt haben, sondern an die wir uns noch gut erinnern können und die schon deshalb ein viel unmittelbareres und realistischeres Vorbild im Glauben sind.

Was macht denn Johannes Paul II. als Vorbild im Glauben aus?

Hesemann Er war ein Mann des Gebetes, der tiefen, mystischen Versenkung, der eucharistischen Frömmigkeit und der Liebe zur Gottesmutter. Vor allem aber war sein Glaube geerdet, ja volkstümlich. Statt die Volksfrömmigkeit gering zu achten, wie es die moderne Theologie gerne tut, verlieh er ihr höchste kirchliche Anerkennung, indem er in der ganzen Welt zu den Schreinen des Volkes Gottes pilgerte und sie dadurch zu Heiligtümern der Weltkirche machte. Er hat uns so reich beschenkt, etwa durch die Wiederentdeckung des Rosenkranzes, dem er die fünf lichtreichen Geheimnisse hinzufügte. Aber auch durch die Verehrung der Göttlichen Barmherzigkeit, die er aus seiner Heimatstadt Krakau in die ganze Welt trug und die zum Siegel seines Pontifikats wurde; nicht umsonst kehrte er am Vorabend des von ihm eingeführten Barmherzigkeitssonntags in das Haus des Vaters zurück. Nicht umsonst findet seine Seligsprechung an eben diesem Tag statt. Ich denke, es werden noch Generationen vom Erbe dieses Jahrtausendpapstes zehren – und es wird der Tag kommen, an dem er als "Johannes Paul, der Große" in die Geschichte eingehen wird.

Yuliya Tkachova führte das Interview mit dem Historiker.

Quelle: NGZ
 
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