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Neuss
Ein Musical, das keinen kalt lässt

Neuss: Ein Musical, das keinen kalt lässt
In dem Musical geht es um die Nöte der Jugendlichen in der Pubertät, um gnadenlose Strenge und Verständnislosigkeit. FOTO: Brandt
Neuss. Die 21. gemeinsame Aufführung der Jugendkunstschule "Alte Post" und der Musikschule der Stadt ist eine emotionale Achterbahnfahrt. "Spring Awakening" ist geprägt von Melancholie. Die Premiere im Globe-Theater gelang bestens. Von Rudolf Barnholt

Seit Dezember vergangenen Jahres hatten rund 40 junge Leute fleißig geprobt - jetzt legten sie einen mehr als gelungenen Auftritt im Globe-Theate hin. "Spring Awakening" ist die 21. gemeinsame Aufführung der Jugendkunstschule "Alte Post" und der Musikschule der Stadt Neuss im 21. Jahr.

Das Musical spielt im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts. Es geht um die Nöte der Jugendlichen in der Pubertät, um gnadenlose Strenge und Verständnislosigkeit. Dass die Inszenierung des Musicals, basierend auf dem Schauspiel von Frank Wedekind, von Anfang an für kontroverse Diskussionen gesorgt hat, wird nach kurzer Zeit deutlich: Es sind schon heftige Szenen dabei. "Spring Awakening" lässt keinen kalt, der schon mal jung war. Unter der Regie von Sven Post und der Musikalischen Leitung von Edwin Schulz ist Großes entstanden. Das wollten sich zahlreiche Besucher im allerdings nicht ganz ausverkauften "Globe" nicht entgehen lassen. Holger Müller, der Leiter der Musikschule, und Hans Ennen-Köffers, Leiter der "Alte Post" waren natürlich da, aber auch Bürgermeister Reiner Breuer - und jede Menge stolze Eltern, Freunde und Geschwister der beteiligten Akteure.

Die Songtexte waren der Gegenwart angepasst worden, während die Sprache unangetastet blieb. Eine gute Idee: Statt Kulissenschiebereien gibt es vier Flachbildschirme, auf denen Motive zu sehen sind, die zu den jeweiligen Szenen passen. Viele Rollen sind doppelt besetzt, so auch die der Wendla. Am Samstag wurde sie von Frida Stach verkörpert, die als Allererste die Bühne betritt in einem schlichten weißen und kurzen Kleid, wofür es auch prompt eine Rüge der Mutter gibt (Désirée Malethan - sie verkörperte alle erwachsenen Frauen). Der dringende Wunsch nach sexueller Aufklärung wird von der Mutter überhört - kein Wunder, dass Wendla später schwanger wird und zur Abtreibung gezwungen wird. Ihr verzweifelter Schrei, als die Mutter sie einem Kurpfuscher überlässt, dürfte den Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben.

Aber auch die Schulszene ist bedrückend genug: Lehrer Sonnenstich schwingt den Rohrstock, lässt lateinische Texte auswendig vortragen. Hier fällt zum ersten Mal ein Junge auf: Melchior (Pascal Schürken) ist ein genialer, kritischer Geist, neugierig auf das Leben. Und ohne zu viel zu verraten: Auch sein freier Wille soll gebrochen werden. Seine Verbrechen: Er hat Wendla geschwängert - und er hat eine Aufklärungsschrift verfasst, die in der Schule die Runde macht. Als seine zunächst vergleichsweise liberal erscheinende Mutter das erfährt, lässt auch sie ihren Sohn fallen. Er kommt in eine Besserungsanstalt, muss sich unter ganz üblen Typen behaupten.

Nach der Pause wird alles lauter, schneller, krasser, da gibt es Tote, da entdecken Hans (Gereon Breuer) und Ernst (Ramin Haijat) ihre Liebe zueinander und da hört man den Vater (Marc-Oliver Teschke - er spielt alle männlichen Erwachsenen) wie einen Schlosshund heulen, weil sein Sohn Moritz (Felix Bronkalla) sich erschossen hat. Auf den toten Jungen, der in der Schule versagt hat, regnen Blütenblätter herab, ein Bild, das melancholisch und traurig, aber auch wütend macht. Die Akteure, die sprechen, singen zum großen Teil hervorragend und wissen sich zu bewegen. Zum Gelingen des Projekts trägt neben dem Chor auch die Band bei. "Sie besteht zum großen Teil aus jungen Mitgliedern", so der Musikschulleiter.

Auch wenn die Frage, ob früher alles besser war, so nicht expliziert gestellt wird: "Spring Awakening" gibt zwei Stunden lang quasi als Dauerschleife die Antwort: Nein, nein und nochmals nein. Moderne Pädagogen und Erzieher müssen 120 Minuten lang mit den Zähnen geknirscht haben.

Quelle: NGZ
 
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