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Neuss
Ein packendes kleines Stück

Neuss: Ein packendes kleines Stück
Brillant: Michael Großschädl als Werther. FOTO: B. Hickmann
Neuss. Joachim Berger hat Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" für das Rheinische Landestheater inszeniert.

Er ist ein Schwärmer, Künstler und Schöngeist, ein junger Mann, der dem Überschwang der eigenen Gefühle verfällt, dem "inneren, unbekannten Toben". Von weither kommt er mit seinem großen Koffer und seiner Geschichte einer Leidenschaft, einer tödlichen amour fou. Joachim Berger hat Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" für die Bühne bearbeitet und für das Rheinische Landestheater inszeniert.

Das Ergebnis ist ein packendes kleines Stück mit vielen sehr schönen Ideen, aber auch verpassten Chancen. Dabei ist es Bergers Verdienst, eine komprimierte Fassung von Werthers letaler Verwirrung auf die Bühne zu bringen. In wenig mehr als einer Stunde präsentiert er Goethes jugendlichen Sprach- und Liebesrausch als temporeiche Inszenierung, der allerdings auch ruhigere Momente des Innehaltens gut getan hätten - als Gegengewicht und Ausgleich zu dem gloriosen Wortstakkato des Stücks.

Dass das Stück nicht auf der Bühne, sondern im Theatercafé gezeigt wird, hätte die Chance geboten, die Trennung zwischen Bühne und Zuschauern aufzuheben und Werther mittendrin begegnen zu lassen, als Gast unter Gästen und einen, der die Geschichte einer ungeheuren Liebe zu erzählen hat. Dass Berger stattdessen im Café eine Bühne auf engstem Raum präsentiert, ist schade, dennoch besticht seine Inszenierung mit eindrucksvollen Bildern, etwa wenn er Bewegung und Chaos als inneren Zustand Werthers mit zahllosen Briefen voller Schrift, durchgestrichen, überschrieben, verwischt, weitergeschrieben, an den Wänden des Cafés augenfällig macht. Kleine Rekurse in die Postmoderne, etwa mit einem Handy, das keinerlei Botschaften, schon gar keiner von Lotte, zu bieten hat, erscheinen dagegen eher überflüssig in diesem tosend-tödlichen Wortrausch. Ganz und gar sehenswert aber wird dieses Stück durch den brillanten Michael Großschädl, der die Entwicklung von der jugendlichen Liebe zur letalen Verzweiflung mit unausweichlicher Intensität spürbar, erlebbar macht.

(KaTze)
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