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Neuss
Ein Praktikum beim Steinstoß-Meister

Neuss: Ein Praktikum beim Steinstoß-Meister
Dieser Stein wog zehn Kilo - auch wenn der Gesichtsausdruck von NGZ-Redakteur Simon Janssen vermuten lässt, es wären 100. FOTO: Lothar Berns
Neuss. Geht es ums Steinstoßen, dann sammelt Dieter Wolf (80) Titel wie andere Briefmarken. Morgen finden auf der Anlage des TSV Norf die Deutschen Meisterschaften in der Disziplin statt. Grund genug, einmal selbst Steine fliegen zu lassen. Von Simon Janssen

Ein wenig fühle ich mich wie Obelix, wenn er einen Hinkelstein ausliefert. Zwar ist mein Zaubertrank lediglich stilles Mineralwasser, und ich trage den harten Brocken auch nicht auf dem Rücken - dafür bringt er mit 25 Kilogramm ebenfalls ordentlich was auf die Waage. Ein Schluck vom "echten" Zaubertrank hätte vorher also gut getan. Das "gallische Dorf" ist an diesem Tag das Von-Waldthausen-Stadion. Dort findet morgen zum ersten Mal die Deutsche Meisterschaft im Steinstoßen statt.

Dieter Wolf erwartet mich auf dem Parkplatz der Anlage mit einem kräftigen Steinstoßer-Händedruck. Dass dieser Mann bereits 80 Jahre alt ist, verrät lediglich sein Ausweis. Um alle Titel zu erwähnen, die er in seiner Laufbahn bereits sammelte, fehlt die Zeit. Kurz gesagt: Es sind viele. Wer sonst, außer dieser 80 Jahre alte Mann, der einen grünen Schlabber-Pulli trägt, damit die Muskeln darunter Platz haben, wäre besser geeignet, um mich in die Kunst des Steinstoßens einzuführen? Wenn so ein Event in Neuss Premiere feiert, sollte man es schließlich einmal selbst ausprobiert haben.

Wolf fackelt nicht lange. Gebetsmühlenartig rattert er die vier Kernfähigkeiten runter, auf die es bei "seiner" Disziplin ankommt: "Kraft, Schnelligkeit, Technik und Koordination. Letzteres verliert man im Alter ein wenig." Bei den Aufwärmübungen wenige Minuten später auf dem Aschenplatz macht Wolf jedoch nicht den Eindruck, als hätte er altersbedingt schon an Fitness eingebüßt. Dafür gerate ich - 52 Jahre jünger - beim Dehnen und Strecken schon leicht ins Schwitzen. Doch für Aerobic bin ich nicht hergekommen. Also ran an die Steine. In einer Garage, nur wenige Meter vom Austragungsort entfernt, liegen die grauen Brocken parat. Um einen Gesamteindruck zu erhalten, entscheide ich mich für einen Drei-, einen Zehn- und einen 25-Kilo-Stein. Letzterer ist der schwerste unter dem Wurfmaterial.

Maßarbeit: Wie viele Meter es wohl geworden sind? FOTO: Berns Lothar

Kurz bevor ich den Drei-Kilo-Stein in den Sand schleudere, verrät mir Wolf, wie ich im Idealfall anlaufe. "Wie beim Speerwurf", sagt er. Der erste Versuch ist mit 12,80 Meter gar nicht mal schlecht für einen Anfänger, wie mir Wolf versichert. Auch wenn mein Anlauf grauenvoll sei. Ich solle die Kraft mehr aus den Beinen holen, rät mir der Profi. Sekunden später schnallt er seinen Sportlergürtel ein Loch enger und macht es mir vor.

Da ich keinen Gürtel trage, muss ich auf diesen kleinen "Trick" leider verzichten. Aber die Tipps des Profis zeigen Wirkung: Auch den Zehn-Kilo-Stein würde ich "ganz ordentlich" werfen, lobt Wolf. Wirklich stolz bin ich auf meine gestoßenen fünf Meter aber nicht.

Der Meister (Dieter Wolf) erklärt dem Schüler, wie's funktioniert. FOTO: Berns Lothar

Mit jedem Stein machen wir drei Versuche. "Das ist jetzt ein kleiner Wettkampf zwischen uns beiden", sagt Wolf. Er meint es scherzhaft. Ich habe trotzdem Angst. Vor allem, weil zum Schluss auch noch das 25-Kilo-Ungetüm gestoßen werden muss. Ich nehme erleichtert zur Kenntnis, dass ich dazu beide Händen verwenden darf. Den Stein über den Kopf zu heben und ihn mit ausgestreckten Armen Richtung Himmel zu strecken, ist anstrengend genug. Beim Anlauf bin ich froh, mir nicht dabei zuschauen zu müssen. Sekunden später wird Wolf mir "Genau drei Meter" zurufen.

Nun ja, ein Steinstoßer wird aus mir also nicht mehr, aber ich habe ja auch noch 52 Jahre Zeit, um mit 80 so fit zu sein wie Dieter Wolf. Zur Not muss eben ein Zaubertrank her.

Quelle: NGZ
 
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