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Neuss
Ein Stadtteil voller Kultur und Industrie

Neuss. Bei der Führung durch die südliche Furth im Rahmen der Reihe "Neusser Kanten" erfuhren die Teilnehmer von dem ehemaligen Regisseur Peter Dieter Schnitzler viel über Schriftsteller, Bahnarbeiter und dem bekannten Räuber "Fetzer". Von Rudolf Barnholt

Peter Dieter Schnitzler ist auf der Ketteler Straße aufgewachsen - in dem Raum, in dem er vor 77 Jahren das Licht der Welt erblickte, hat er heute sein Büro. Am Samstag führte der frühere Regisseur im Rahmen der Reihe "Neusser Kanten" nach 2013 noch einmal durch die südliche Furth. Er wies unter anderem auf architektonische Besonderheiten hin und machte deutlich, dass dieses rund einen Quadratmeter große Gebiet die Heimat von vielen Schriftstellern war.

Treffpunkt war an der Burgunderstraße vor dem imposanten Schulgebäude aus dem Jahre 1903. "Es ist erstaunlich, dass dieses Gebäude im Krieg nicht zerstört wurde, obwohl es so dicht am Bahnhof liegt und an der Fabrik Baur & Schaurte, wo Rüstungsgüter produziert wurden", sagte Schnitzler. Schräg gegenüber der Schule hatte Dieter Wellershoff seine ersten Lebensjahre verbracht; er sollte später zu der renommierten Schriftstellervereinigung "Gruppe 47" stoßen. Auf der Further Straße, links neben der Turnhalle, wies Schnitzler auf Sgraffiti des Künstlers Will Hall hin, die am Giebel des Hauses Nummer 111 schon von weitem zu sehen sind - als Motiv ist deutlich ein Sportler zu erkennen. Auf der Alemannenstraße wurden die Teilnehmer der Führung auf Backstein-Ornamentik aufmerksam gemacht - in einem dieser Häuser erlebte der frühere Landrat Dieter Patt seine Kindheit. An der Steinhausstraße/Ecke Marienstraße erklärte Peter Dieter Schnitzler, dass in der Scheune des historischen Gebäudes, das nicht mehr existiert, der bekannte Räuber Fetzer seine Frau erschlagen habe.

In dieser Region hätten, bedingt durch die Industrialisierung, viele Bahnarbeiter gelebt, die abends rußgeschwärzt waren: "Deshalb nannte man diese Siedlung auch "Negerdorf", wusste Schnitzler zu berichten. Und er erzählte eine Anekdote: "Unter den belgischen Besatzern nach dem Ersten Weltkrieg legten die Bahnmitarbeiter den Zugverkehr lahm - sie wurden deshalb nach St. Peter Ording gebracht - und die Preußische Regierung hat ihnen während dieser Zeit die Gehälter weiter gezahlt."

An der Kurze Straße stand früher der Fuhrpark der Müllabfuhr. Serdar Somuncu, der als Autor und Comedian mittlerweile bundesweit bekannt ist, ist der Sohn eines türkischen Müllmanns, der dort gelebt und seine Erfahrungen auch niedergeschrieben hat. Vor dem Haus Marienstraße 15 erinnerte Peter Dieter Schnitzler an den einst dort lebenden Schriftsteller Josef Ippers, der unter anderem Reportagen von Afrika geschrieben hatte.

"Und die Tochter des Firmengründers, Thea Bauer, war auch Schriftstellerin", erklärte der 77-Jährige vor dem Werk Bauer und Schaurte. Nach ihrer Heirat habe sie unter dem Namen Thea Sternheim veröffentlicht. Die Kolpingstraße wurde 1904 bewusst naturnah angelegt. Schnitzler machte auf die leichte Rundung und die versetzte Kreuzung aufmerksam. Die Häuser an der Kettelerstraße wurden 1910 gebaut. Zum Glück ist ihr architektonischer Reiz erkannt worden, so dass statt des ins Auge gefassten Abrisses eine Sanierung erfolgte.

Quelle: NGZ
 
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