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Neuss
Ein Tag ohne Smartphone

Ein Leben ohne Smartphone?
Neuss. Die Fastenzeit nähert sich ihrem Höhepunkt. Unser Autor Oliver Burwig (27) will deshalb auf sein Smartphone verzichten. Dabei lernt er einige alte Bekannte wieder schätzen.

Brrrt-brrrt. Das Handy rattert, ein Blick auf die Uhr im Display: 1.37 Uhr. Die Eilmeldung verrät, dass Nordkorea eine Rakete abgeschossen hat. Muss ich das jetzt wissen? Morgen früh hätte doch auch gereicht! Es reift die Frage, ob man in einer Welt, in der Kinder-Burn-Out ein Begriff ist und "Smombie" das Wort des Jahres, nicht auch mal ohne kann. Ohne WhatsApp, ohne Facebook-Messenger, ohne Eilmeldungen - ohne Smartphone.

Ein Selbstversuch. Samstag, 10 Uhr Noch bevor ich komplett angezogen bin, wandert die Hand so selbstverständlich wie unnötig zum (abgeschalteten) Smartphone auf dem Schreibtisch. Was wollte ich eigentlich wissen? Egal, das Handy ist aus und wird es bis heute Abend auch bleiben. 11 Uhr Nach dem späten Frühstück und zwei weiteren Griffen zum Smartphone (ich führe jetzt eine Liste, die bis zum Ende des Tests auf 16 Striche angewachsen sein wird) hole ich mir das mobile Festnetz-Telefon an den Tisch.

Das wird sonst eher stiefmütterlich behandelt - wer was will, soll mich doch auf meinem Handy anrufen oder mir schreiben! 13 Uhr Das Telefon klingelt nicht. Was hätte mir mein Smartphone heute wohl schon alles zu sagen gehabt? Also von der Uhrzeit mal abgesehen. Die lese ich jetzt vom Wecker ab und fühle mich dabei wie ein Neandertaler. Meine alte Armbanduhr - seit acht Jahren liegt sie in der Schublade - will ich vor lauter Festivalbändchen am linken Arm nicht mehr tragen, und rechts fände ich komisch.

14 Uhr Ich zähle nicht mehr nur die Griffe nach, sondern auch die flüchtigen Blicke auf das Smartphone. Zum Zweck des Tests lasse ich es trotzdem auf dem Tisch liegen. Da werde ich mich schon noch dran gewöhnen. Und dass man Facebook auch auf dem PC benutzen kann, schließt ein wenig das Loch, das sich im entspannten Samstag ansonsten aufgetan hätte. 14.30 Uhr Ich muss zur Post, will einkaufen und mich auch nach Klamotten umschauen.

Ganz analog, mit dem Fahrrad zum Laden. Aber welche Jacke ziehe ich an - dick oder dünn? Das Smartphone wüsste die Außentemperatur, ich kenne sie nicht und greife mir - wie ich später feststelle - eine viel zu warme Jacke für diesen frühlingshaften Tag. 18 Uhr Vom Shopping zurück: neue Schuhe, neuer Pullover, neue Hose. Alles für ein Handy-Foto ausgebreitet, um mir meine Mode-Entscheidungen von Freunden bestätigen zu lassen.

Das mache ich sonst nie, wollte es aber natürlich an dem einen Wochenende, an dem es nicht erlaubt ist. Oder habe ich vielleicht noch weitere Smartphone-Bedürfnisse, die mir erst auffallen, wenn ich sie nicht mehr befriedige? 21 Uhr Kein einziger Anruf. Ob meine WhatsApp-Passivität heute schon jemandem aufgefallen ist? Für das partnerschaftlich-obligatorische Telefonat am Abend reicht auch das Festnetz-Mobilteil.

Das will mir nach drei Minuten im Gespräch durch ein absteigendes Piepton-Glissando sagen, dass es nach nicht einmal zehn Stunden wieder auf seine Station muss. Wie passend, dass ich mein Smartphone vor dem Ausschalten noch einmal komplett aufgeladen habe! 0 Uhr Insgesamt sechs Push-Nachrichten zweier großer Online-Medien, zwei WhatsApp-Mitteilungen, eine SMS, drei Aufforderungen zum Update und eine stumm abgelaufene Erinnerung an einen Geburtstag zeigt das Display des wiedererweckten Smartphones an, das zur Begrüßung ein euphorisches Vibrations-Konzert hören lässt.

Brauche ich mein Handy? Ja, zum Teil. Doch nach einem Tag dieses "Fastens", des Nicht-updaten-lassens, der unbeachteten Nachrichten und verstrichenen Erinnerungen kommt mir noch ein anderer, paradoxer Gedanke: Irgendwie braucht das Smartphone ja auch mich.

Quelle: NGZ
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