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Neuss
Ein Verlierer der Whitesell-Insolvenz

Neuss. 35 Jahre hat Antonio Benvenuto in der Schraubenfabrik gearbeitet. Jetzt fühlt er sich um Vieles betrogen - und versucht, sich zu wehren. Von Christoph Kleinau

Im Oktober galt Antonio Benvenuto an seiner Maschine in der Neusser Schraubenfabrik noch als unersetzlich, Ende März wurde er freigestellt. Nach fast 35 Jahren im Betrieb. Seitdem schreibt der 57-Jährige, der an keinem Tag seines Lebens wirklich arbeitslos war, Briefe an Behörden und Politiker. Es ist ein Versuch, sich zu wehren. "Ich habe viel verloren", sagt Benvenuto.

Wenn der 57-Jährige von seinem alten Arbeitgeber spricht, klingt er wie ein gekränkter Geliebter. "Ich habe meine Familie wegen der Firma vernachlässigt", sagt er. Selbst als seine Frau im Kreißsaal lag, schob er lieber eine Sonderschicht. "Ich wollte der Firma immer helfen", versichert Benvenuto. Nun macht er nach Möglichkeit einen großen Bogen um das Werk, wenn er von seinem Haus auf der Furth in die Innenstadt muss.

Am Lebenslauf des gebürtigen Italieners lässt sich auch der Niedergang des Neusser Traditionsunternehmens nachzeichnen. Seine erste Gehaltsabrechnung im August 1980 bekam Benvenuto noch von der Firma Bauer & Schaurte. Damals zählte der Automobilzulieferer noch 2000 Beschäftigte. Schon im Monat darauf wurde das Werk, das seit 1876 in Neuss ansässig ist, mit den Karcher-Werken in Beckingen zur BKS zusammengelegt. Die Krise des Mutterkonzerns Saarstahl riss 1993 die BKS mit in die Insolvenz. Danach folgten Besitzer in Serie: 1994 wurden die Werke von Valois (Frankreich) gekauft, von 1996 bis 2006 vom US-Konzern Textron als "Textron Fastening Systems" geführt bevor 2006 Platinum Equity einstieg und die Firma in Acument umbenannte. "Das war reiner Kapitalismus", sagt Benvenuto über die Politik dieser "Heuschrecke".

Die führte ebenso in ein Insolvenzverfahren wie das einjährige Intermezzo des indischen Ruia-Konzerns (2011/2012) und zuletzt das zweifelhafte Engagement von Whitesell. Als am 1. April das dritte Insolvenzverfahren eröffnet wurde, war die Belegschaft auf 116 Köpfe zusammengeschrumpft. Benvenuto, der all diese Wendungen mitgemacht hat, war nicht mehr dabei.

An die Arbeitgeber hat er unterschiedliche Erinnerungen. Für Textron hätte er gerne 20 Jahre länger an seiner Maschine in der Kaltformerei gearbeitet, gegen die Übernahme durch Whitesell hatte er sich mit seinen Kollegen gewehrt. Zurecht, wie er heute weiß. "Zuletzt gab es kaum noch Arbeit", sagt er und fügt hinzu: "Ich kann nicht verstehen, wie die Firma kaputt gehen konnte."

Die Übernahmen und erst recht die beiden Insolvenzverfahren hatten unter dem Strich Arbeitsplätze gekostet. Doch der Abbau erfolgte sozialverträglich, zumindest gab es eine Abfindung. "Jeder hat was bekommen, und wenn es nur ein bisschen war", sagt Benvenuto. Nur er und seine 150 Kollegen, die in einer letzten Welle freigestellt wurden, gehen wohl leer aus. Das ist der eine Punkt, um den sich Benvenuto betrogen fühlt. Genauso wurmt ihn, dass er von dem Kündigungsschutz, den er sich in all den Jahren erworben hat, nichts mehr hat und auch um die Prämie kommt, die im August mit Vollendung des 35. Jahres im Betrieb fällig geworden wäre. "Man kann einem Partner nicht nach 35 Jahren einfach Tschüss sagen", sagt er bitter.

18 Monate bekommt er Arbeitslosengeld, länger nicht. Wäre er zum Zeitpunkt der Freistellung 58 gewesen, hätte er Anspruch auf deutlich mehr gehabt. Nach einem Leben voller Arbeit findet er all das ungerecht. Und das hat er vielen Entscheidungsträgern geschrieben. Geantwortet hat bisher nur der Landrat. Er bedauert Benvenutos Situation. Zuständig aber sei er leider nicht.

Quelle: NGZ
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