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Neuss
Ein wortreiches Bild des Autors Martin Walser

Neuss. Lothar Schröder, Kulturchef unserer Zeitung, widmete sich bei "Neuss liest ..." dem Provokateur Martin Walser.

Martin Walser polarisiert. Im Kleinen wie im Großen. Alwin Müller-Jerina, Chef der Stadtbibliothek und Initiator der Aktion "Neuss liest ein Buch" - aktuell Walsers Roman "Der Lebenslauf der Liebe" - schloss seine Erzählungen über die kleinen Macken des Autors anlässlich seines Neuss-Besuches mit einem großmütig belächelten "Schriftsteller sind immer schwierig". Und löste bei seinem Gast, dem Literaturkritiker Lothar Schröder, eine "Hmm"-Mimik aus.

Aber es war wohl nur diese Verallgemeinerung, die den Ressortleiter Kultur unserer Zeitung für einen Augenblick skeptisch blicken ließ. "Walser, der Provokateur" war schließlich sein Thema, das an diesem Vortrags- und Erzählabend in der Stadtbibliothek im Fokus stand. Schröder, sonst immer mit einer Kaffeepausen-Lesung dabei, ist ein Walser-Kenner. Voller Bewunderung vor allem für den Essayisten und Aphoristiker Walser ("großartig und besser als seine Bücher"), zugleich ein kritischer Begleiter seines Werks und persönlicher seines Lebens. Erfahrungen von Besuchen beim Autor am Bodensee ("Apfelkuchen auf der Terrasse gehörte immer dazu"), die intensive Beschäftigung mit dem schriftstellerischen Werk und dem Menschen Walser führte er an diesem Abend zusammen zu einem Bild, das Walser Widersprüchlichkeit nicht leugnete, aber auch zeigte, dass ihm vieles unterstellt wurde und teilweise noch wird. Der Blick auf die (von Walser größtenteils selbst ausgelösten) Kontroversen kam nie durchs Schlüsselloch. Schröder zitierte (provokant!) stattdessen immer wieder eine Lebensregel: "Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, musst dich ums Vergangne nicht bekümmern." Von Goethe.

Der Literaturkritiker stellte die Paulskirchen-Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998, den Roman "Tod eines Kritikers" und Walsers Äußerungen zum Holocaust-Denkmal in den Mittelpunkt und kam dabei zum Schluss: Walser ist ein Provokateur, aber einer, der seine Worte wohlkalkuliert, sie und sich gut inszeniert. "Er liebt die Öffentlichkeit, die Auseinandersetzung und braucht Sparringspartner." Aber antisemitisch, wie es ihm in der Diskussion über die oben genannten Werke vorgeworfen wurde, ist Walser in Schröders Augen nicht. Von seiner Rede in der Paulskirche, die dort noch beklatscht wurde und erst später durch die betroffene Reaktion von Ignaz Bubis auf Walsers provokative Gedanken über das Gedenken an Auschwitz "zu einer Diskussion in einer Intensität und Aufgeregtheit, wie es sie so vor 1998 nicht gegeben hat", führte, habe sich der Autor distanziert, sagte Schröder. Und schränkte ein: "Das Bedauern über die von ihm ausgeschlagene Versöhnungsgeste von Bubis nehme ich ihm nicht ganz ab."

Info "Neuss liest"... heute, 17 Uhr in der Stadtbibliothek (englisch), heute, 19.30 Uhr im Bücherhaus am Münster, mit Film "Ein fliehendes Pferd" im Kino Hitch morgen und Sonntag, 16.30 Uhr

(hbm)
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