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Neuss
Eine Zeitreise in die Glaubenswelt der Ahnen

Neuss. Die zweite Ausstellung des Clemens-Sels-Museum am Obertor nach der Wiedereröffnung widmet sich dem religiösen Leben der Urzeit. Dabei stellt sie viele Theorien in Frage und regt zum Nachdenken an. Von Helga Bittner

Wie kann man von religiösen Entwicklungen in der Urzeit erzählen, geschweige denn sie bebildern, wenn es kaum gesicherte Erkenntnisse gibt? Carl Pause stand vor keinem geringen Problem, als er für die Beteiligung an dem Ausstellungsprojekt des Kulturaum Niederrhein, "Himmelwärts - Religiöses Leben an Rhein und Maas" ausgerechnet prähistorischen Religionen am Niederrhein auf die Spur kommen wollte. "Ein schwieriges Thema" - das gibt er zu, aber er wollte sich eben nicht wie viele andere mit der Neuzeit oder Reformation beschäftigen.

Herausgekommen ist dabei eine Ausstellung, mit der das Clemens-Sels-Museum zum einen den ersten Wechsel von der Kunst zur Kulturgeschichte nach der Wiedereröffnung vollzieht. Und zum anderen richtig gut zeigen kann, welchen Quantensprung das Haus in Sachen Präsentation gemacht hat. Die Räume im zweiten Stock des Museums sind nicht nur entschieden besser beleuchtet, die vielen Objekte der Schau demonstrieren auch den großen Nutzen der vielen neuen, unterschiedlich großen Vitrinen.

In denen ist nämlich einiges ausgestellt, was eben zeigt, dass zumindest Gedankenspiele über das religiöse Leben unserer Ahnen möglich sind. "Es gibt unglaublich viele Theorien", sagt Pause, "aber sie fußen selten auf der Archäologie." Die ist aber die Basis seiner Ausstellung. Archäologische Funde - darunter sehr viele aus Neuss - werden unter dem Aspekt einer möglichen religiösen Bedeutung für die Menschen ihrer Zeit befragt. Niemals würde Pause von seiner Ausstellung behaupten, dass sie neue und gesicherte Forschungsergebnisse dokumentiert. Aber sie zeigt Möglichkeiten auf. Und diese wurden unter anderem auch von Studenten des Instituts für Ur- und Frühgeschichte sowie jenem für Afrikanistik der Kölner Uni erforscht.

Im Fokus der Schau stehen die Jungsteinzeit, die Eisenzeit und die römische Zeit. Während letztgenannte viele Spuren hinterließ, sich die Verschmelzung lokaler Gottheiten mit den römischen Göttern an vielen Figurfunden nachvollziehen lässt, sieht es in der Urzeit anders aus. Dass das Strichmännchen mit Lanze und Schwert auf der Scherbe aus einer ältereisenzeitlichen Siedlungsgrube etwas Besonderes gewesen sein musste, mag man daran ablesen, dass die Strichzeichnung mit einer hellen Masse sichtbar gemacht, die Scherbe zudem sorgfältig geschliffen wurde. Aber ist das ähnliche Männchen auf einer Münze eines keltischen Stamms aus dem 1. Jahrhundert deswegen gleich eine Darstellung des gallischen Kriegsgottes Camulos? "Das ist Spekulation", sagt Pause, "es gibt keine Anhaltspunkte dafür."

Wie sehr manche Annahme täuschen kann, macht ein Vergleich deutlich, für den Pause auf andere Kontinente schaut. Eine weibliche Figur mit großen Brüsten kann doch nur eine Entsprechung der Erdmutter-Göttin sein? "Nein", sagt Pause lachend, "das ist nur eine Puppe, mit der Kinder in Afrika spielen."

Die Ausstellung, die sich auf drei Räume verteilt ("Tod und Bestattung", "Bilder und Symbole sowie Heilige Orte" und "Rituelle Objekte") liefert keineswegs klare Antworten, lässt vieles offen und reizt gerade deswegen zum Fragen. Kann das eine oder andere Objekt nicht privater Natur gewesen sein wie etwa heute ein Kreuz für ein Unfallopfer an der Straße? Wie gut, wenn wie auf dem Weihestein aus Neuss schon mal der Name von Gott Merkur entziffert werden konnte...

Diese Ausstellung ist anstrengend und braucht Zeit. Aber sie ist hochinteressant, weil sie über das Leben nachdenken lässt.

Quelle: NGZ
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