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Tag des Faulpelzes
Einfach mal abschalten!

Tag des Faulpelzes in Neuss
Neuss. NGZ-Autor Tim Harpers hat sich seine Sonnenliege geschnappt und mitten auf den Markt gestellt - denn heute ist der Internationale Tag des Faulpelzes. Wir wollten wissen, wie die Neusser auf den Faulpelz in ihrer Mitte reagieren. Von Tim Harpers

Na, das klingt doch nach einer Aufgabe, um die mich meine Kollegen beneiden werden, dachte ich. Du musst dir nur deine Sonnenliege schnappen und dann machst du dir einen schönen Vormittag, haben sie gesagt. Morgen ist Tag des Faulpelzes, haben sie gesagt. Du musst dich einfach nur ausruhen und darüber schreiben. "Wahnsinn, was hab' ich für ein Glück", kam mir da sofort in den Sinn. Mann, was war ich naiv.

Denn, was meine lieben Kollegen mir natürlich nicht gesagt haben, war, wo die ganze Geschichte stattfinden soll: mitten auf dem Neusser Markt. Um 10.30 Uhr morgens. Also genau dann, wenn besonders viele Passanten in der City unterwegs sind. Nachdem ich davon erfuhr, schlug meine Begeisterung augenblicklich in Panik um. "Oh mein Gott, wie peinlich wird das denn?", war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam.

NGZ-Autor Tim Harpers bei seiner Auszeit auf dem Neusser Markt. FOTO: A. Woitschützke

Aber ein Mann, ein Wort. Ein Rückzieher ist keine Option. Und so stehe ich nun mit meiner grünen Lieblingssonnenliege auf dem Marktplatz. Um mich herum Gewusel. Männer in grauen Anzügen laufen an mir vorbei. Das Handy am Ohr, aufgeregt in den Hörer sprechend. Familien schlendern über den Markt, gehetzte Mütter, Väter und Kinder. Jeder hier scheint irgendetwas Wichtiges zu tun zu haben. Besorgungen machen, Arzttermine wahrnehmen, Freunde treffen. "Und hier soll ich mich hinlegen und einfach nichts tun?", denke ich. "Die Leute halten mich doch für durchgedreht."

Ich baue meine Liege auf. Zu meiner Linken liegen der Freithof und das Zeughaus, zu meiner Rechten steht das Rathaus. Ich hole mir ein Eis und platziere mein über Jahre antrainiertes Wohlstandsbäuchlein auf dem grün bespannten Alu-Gestell. "Was die Leute wohl von mir denken?", frage ich mich und blicke mich peinlich berührt um.

Sekunden vergehen, dann Minuten. Die Leute schauen, sagen aber nichts. Viele lächeln sogar verständnisvoll. Das unangenehme Gefühl verschwindet nach und nach. Die Neusser grüßen freundlich, wollen wissen, was ich da mache und lächeln, wenn ich antworte. "Recht haben Sie", sagt eine ältere Dame. "Ruhe ist ein seltenes Gut. Die muss man sich einfach nehmen." Die Zeit verstreicht. Ich habe mir eine Zeitung mitgenommen, um mich zu beschäftigen. Genervte Sprüche bleiben aus. Nur hin und wieder streift mich ein irritierter Blick. "Hey, Lust auf 'ne Nektarine", fragt mich der bärtige Mann vom Obststand nebenan. "Klar", antworte ich. "Kostet aber 50 Cent", sagt er. Ich bezahle lächelnd und denke mir: "Geschäftstüchtig, der Kerl."

Nach knapp einer Stunde auf dem Markt ist der Tag des Faulpelzes für mich gelaufen. Ich packe meine Liege ein und lasse das Erlebte Revue passieren. "Ein Herz für Faulpelze haben sie ja, die Neusser", denke ich. "Woher das wohl kommt?" Und dann sehe ich wieder das ganze Gewusel um mich herum. Ein Wochentag, die Leute sind gestresst, eilen von Termin zu Termin. Und mir wird klar: Ich hätte wohl auch verständnisvoll gelächelt. Ein wenig Ruhe hat schließlich jeder von uns verdient.

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Quelle: NGZ
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