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Neuss
Einmal den Helden spielen

Neuss: Einmal den Helden spielen
Johanna Freyja Iacono-Sembritzki (l.), Pablo Guaneme Pinilla, Josia Krug (sitzend) und Anna Lisa Grebe üben sich im Heldentum. FOTO: Björn Hickmann
Neuss. Temporeich und unterhaltend hat Regisseurin Sylvia Sobottka das Stück "Ramayana" am Rheinischen Landestheater inszeniert. Von Claus Clemens

Wer ist Rama? Für indische Kinder und Jugendliche keine Frage. Jeder auf dem Subkontinent kennt den Helden aus einer der größten Geschichten des Landes. Das Originalepos "Ramayana" umfasst beeindruckende 50 000 Zeilen. Hieraus hat Karen Köhler ein Jugendstück für Deutsche geschrieben. Und Sylvia Sobottka brachte es mit einer faszinierenden, äußerst ideenreichen Inszenierung auf die Studiobühne des Rheinischen Landestheaters. 70 Minuten temporeiche Unterhaltung, keine Sekunde Langeweile.

Fünf junge Menschen haben eine Sehnsucht nach neuen Helden. Spiderman und Batman haben lange ausgedient, ebenso wie die Klassiker Odysseus, Siegfried oder Winnetou. Als auch die Liste medialer Blockbuster wie "Jurassic Park" nur Gähnen erzeugt, taucht der Name "Rama" auf. Sofort verstehen alle, dass es hier nicht um eine Margarine geht. Sondern um Liebe, Eifersucht, Tapferkeit, Intrigen und mehr. Rama und sein Bruder Ravana sind wie Kain und Abel. Beide wollen die schöne Sita heiraten. Als es Rama gelingt, den Bogen des Gottes Shiva zu spannen, ist ihm die Braut sicher. Doch Ravana lässt keine Hinterlist aus, um die Ehe zu verhindern. Schließlich entführt er Sita und sperrt sie in einen Palast voller Dämonen.

Vielversprechend bereits das Neusser Eingangsbild. Hinter fünf mannshohen Gitterkästen wippen die Darsteller auf farblich verschiedenen Trampolinen. In der folgenden Handlung werden alle ständig ihre Rollen tauschen. Sylvia Sobottka, die sich in der vergangenen Spielzeit bereits mit "Sofies Welt" am RLT erfolgreich eingeführt hatte, setzt hier auf Brechung der Bühnenwelten. Jeder will doch den Helden spielen, jede die schöne Prinzessin. So gerät bereits die Rollenverteilung zu einer kleinen Geschichte. Es folgen exotische Tänze und schöne Passagen mit chorischem Sprechen. Macho-Gesten werden so lange ausgelebt, bis die jungen Zuschauer amüsiert abwinken. Wie bei einer Sportübertagung kommentiert eine Stimme den Kampf zweier Bewerber um die Hand der Prinzessin.

Das Dekor und die Bewegungsabläufe sind bodenständig und könnten ohne Aufwand nachgespielt werden: ein Topf mit aufgesetztem Schneebesen, was für eine putzige Königskrone! Geradezu begeistert reagierte das junge Publikum, als es aufgefordert wurde, die Dämonen in Ravanas Palast mit kleinen Bällen zu bewerfen. Ein Heidenspaß, mitten im Handlungsreigen.

Auch in der Sprache des Stücks gibt es Brechungen. "Ein Krieger muss tun, was ein Krieger tun muss", heißt es exaltiert und zugleich durch Mythenfilme vertraut. Das sind starke Sätze, die jeder mit nach Hause nehmen kann. Etwas später nimmt man sich selbst auf den Arm. Mitten im Rauch der Nebelkanone brüllt der Affenkönig Hanuman: "Die Luft ist rein". Im Mittelpunkt des Stücks und der Inszenierung steht allerdings die Frage, was denn einen wahren Helden überhaupt ausmacht. Dem Darsteller des tapferen Prinzen Rama scheint seine Rolle buchstäblich über den Kopf zu wachsen. Dennoch natürlich Happy End und Riesenapplaus.

Quelle: NGZ
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