| 00.00 Uhr

Neuss
Einmal mit dem Strom radeln

Neuss: Einmal mit dem Strom radeln
FOTO: Woitschützke Andreas
Neuss. Immer mehr Fahrräder mit Hilfsmotoren summen über die Straßen. Eine lohnenswerte Anschaffung? Wir haben's ausprobiert. Von Simon Janssen

Pedelecs sind nur was für alte Leute - oder extrem faule. Jedenfalls vertrete ich (26) seit Jahren diesen Standpunkt. Hilfsmotoren sind für mich nicht weit entfernt von Stützrädern. Reine Schummelei. Doch warum über etwas urteilen, das ich nicht kenne? Es ist an der Zeit für einen Selbsttest.

FOTO: Woitschützke Andreas

Beim Radland Kirchhartz in Büttgen weist mich Inhaber Willi in sein Vorführmodell ein, das er mir für einen Vormittag zur Verfügung stellt, um mich selbst eines Besseren zu belehren: ein Drahtesel der Marke Falter mit Mittelmotor - neben Bosch, Kettler oder Pegasus einer der bekanntesten Hersteller in der Branche. Der Preis des Modells liegt bei stolzen 2000 Euro.

Auf den ersten Metern habe ich das Gefühl, dass mich jemand von hinten anschiebt. Schon nach wenigen Sekunden zeigt mir der Tacho, auf dem unter anderem auch Gang, Durchschnittsgeschwindigkeit und Restakku dargestellt werden, 25 Kilometer pro Stunde an. An dieser Stelle quittiert der Hilfsmotor jedoch seinen Dienst. Das ist gesetzlich so vorgeschrieben, da die sogenannten E-Bikes, die bis zu 45 Sachen auf die Straße bringen, schon als Kleinkraftfahrzeuge geführt werden - bei diesen flotten Geschossen gilt sowohl Helm- als auch Kennzeichen-Pflicht. Klingt alles ziemlich umständlich.

FOTO: Woitschützke Andreas

Bei meiner Testfahrt ist das Neusser Zentrum mein Ziel. Ich befahre die L 381 vorbei an der Braunsmühle, passiere den Hauptfriedhof an der Rheydter Straße bis der Verkehr dichter und die Fahrradwege kurviger werden. Auf gerader Strecke bemerke ich, dass das Pedelec nicht all seine Stärken ausspielen kann, da ich konstant über 25 Kilometer pro Stunde fahre und somit nicht mehr auf den Hilfsmotor zählen kann - wie schnell man sich doch an so eine Unterstützung gewöhnt. Als ich versuche, alles aus mir und dem Rad herauszuholen, zeigt mir der Tacho 33,3 km/h an - ich fühle mich wie der Usain Bolt des Fahrradwegs.

Im Neusser Stadtverkehr lässt das Pedelec seine Muskeln spielen, weil ich durch zahlreiche Ampeln und abrupte Bremsungen häufiger anfahren muss, was durch die leise summende Motorisierung zum Kinderspiel wird. Je nach Bedarf kann ich zwischen drei Hilfsstufen wählen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mich für die höchste entscheide. Wenn ich wollte, müsste ich noch nicht einmal schalten, da das Rad in der Lage ist, automatisch zwischen den insgesamt acht Gängen zu wechseln. Ich wähle die manuelle Variante. So viel Schummelei muss dann doch nicht sein.

Auf der Rückfahrt stelle ich nach rund anderthalbstündiger Tour fest, dass ich trotz Außentemperatur von 22 Grad nicht ins Schwitzen gekommen bin. Ich belüge mich selbst, indem ich mir einrede, dass dies nicht am Pedelec, sondern an meinem überragenden Fitnesszustand liegt. Dennoch: gar nicht von schlechten Eltern so ein Schummel-Rad - auch für einen 26-Jährigen.

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Neuss: Einmal mit dem Strom radeln


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.