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Neuss
Einschätzungen eines Polit-Urgesteins

Neuss: Einschätzungen eines Polit-Urgesteins
Bernhard Vogel sprach beim Augustinus-Forum unter anderem über seine Anfänge in der Politik und die aktuelle Situation in Europa. Interviewt wurde er vom Journalisten Michael Rutz. FOTO: Salzburg
Neuss. Bernhard Vogel, ehemaliger Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, war Gast beim Augustinus-Forum. Von Rudolf Barnholt

Gleich zu Beginn stellte Michael Schlagheck einen Wandel fest. "Eine neue Situation ist entstanden mit dem bevorstehenden Einzug der AfD in den Bundestag und auch Europa ist fragiler geworden", sagte der Leiter des Augustinus-Forums. Er und die rund 500 Besucher erwarteten in diesen schwierigen Zeiten Einschätzungen eines erfahrenen Polit-Urgesteins: Bernhard Vogel, der im Dezember 85 Jahre alt wird, war sowohl in Rheinland-Pfalz als auch in Thüringen Ministerpräsident gewesen. Jetzt wurde er von dem Journalisten Michael Rutz interviewt und Vogel sollte keine Antwort schuldig bleiben.

Nebenbei war das Augustinus-Forum so etwas wie eine Lehrstunde lebendiger Nachkriegs-Geschichte. Die kleinen Anekdoten von früher, die Bernhard Vogel parat hatte, waren unterhaltsam. Michael Rutz, der unter anderem 16 Jahre lang Chefredakteur des Rheinischen Merkur war, nannte Vogel einen "Homo politicus". Vogel erzählte, dass er sich nicht bewusst für den Beruf des Politikers entschieden habe - er sei da so hineingeschlittert.

Angefangen hatte alles damit, dass ihn ein KfZ-Mechaniker überzeugt hatte, für den Heidelberger Stadtrat zu kandidieren. "Das erste Amt, um das ich mich selber beworben habe, war das des CDU-Landesvorsitzenden in Rheinland-Pfalz, wo ich mich gegen Heiner Geißler durchsetzen konnte", erinnerte sich der rüstige Polit-Rentner. Woran er sich - sehr zur Erheiterung seines Publikums - noch erinnerte: An die wilden 1968er Jahre, als er immer einen "Eier-Anzug" im Gepäck hatte, und an Jürgen Trittin, der als Studentenvertreter Bernhard Vogel zum Schweigen brachte, indem er das Mikrofonkabel kappte. "Wie haben Sie damals Helmut Kohl erlebt?", fragte Michael Rutz. "Er hatte die Fähigkeit, vielversprechende junge Leute um sich zu scharen, auf ihn war Verlass", erklärte Bernhard Vogel und fügte hinzu: "Wen er nicht mochte, der hatte es schwer."

Zurzeit hat es die CDU schwer - und Vogel hat einige Empfehlungen parat - Empfehlungen wie diese: "Die CDU muss sich auf ihre Wurzeln als wertkonservative, aber zugleich auch liberale und christlich-soziale Partei besinnen und sie sollte auch mal wieder gegen etwas sein." Vogel ist eindeutig für etwas derzeit nicht ganz Unumstrittenes: Europa. Europa ist für ihn "ein anderes Wort für Frieden", aber auch für Wohlstand. Das nationalistische Verhalten von Ländern wie Polen oder Ungarn sei "eine erhebliche Belastung für Europa". Kein Wunder, dass es wichtig für ihn ist, "dass der Koalitionsvertrag keine europafeindlichen Stellen enthält". Und Vogel hofft, dass ein solcher Vertrag schnell zustande kommt: "Macron wartet auf uns; wir müssen mit ihm überlegen, was geht. Wir sind übrigens nicht Vormacht, wohl aber der Motor von Europa."

Der Politik müsse es gelingen, die Sympathien für Europa neu zu wecken. Bernhard Vogel, der Verständnis dafür aufbringt, dass sein älterer Bruder der SPD beigetreten war, konnte sich am Schluss einen Seitenhieb gegen die sozialistischen Parteien in Europa nicht verkneifen: "Wenn man alles gleich macht, geht es allen gleich schlecht." Die Deutschen müssten den europäischen Ländern aber helfen, aus ihren Schwierigkeiten herauszukommen. Dass in den neuen Bundesländern die AfD besonders stark geworden ist, führt Bernhard Vogel auf die wenigen Erfahrungen mit Fremden in der ehemaligen DDR zurück. Außerdem habe das Leben in einem Unrechtsstaat prägend gewirkt.

Quelle: NGZ
 
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