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Neuss
Entführung in bekannte Welten

Neuss: Entführung in bekannte Welten
Florian Fausch zeigt seine Arbeiten im Johanna-Etienne-Krankenhaus auf der ersten und vierten Etage sowie im Foyer. FOTO: hbm
Neuss. Ein Krankenhaus wird zum Ort für Kunst: Der Maler Florian Fausch aus Düsseldorf zeigt seine Bilder im "Etienne". Von Helga Bittner

Kunst im Krankenhaus - im "Johanna Etienne" in der Nordstadt ist das schon normal. Zwei Ausstellungen pro Jahr plant der Träger, die St.-Augustinus-Kliniken, und lässt sich dabei von einem Fachmann beraten. Jedes Mal ist ein anderer Chefarzt Pate und entscheidet auch, welcher der von Kurator Wulf Aschenborn vorgeschlagenen Künstler mit seinen Arbeiten in seine Abteilung passt. Professor Jan Sobesky, Chef der Neurologie samt Stroke Unit und Frührehabilitation, hat sich für den Maler Florian Fausch entschieden. Und irgendwie ist es ein schöner Gedanke, dass dessen Bilder, die Räume entdecken, auflösen und sich im Kopf des Betrachters zu neuen zusammensetzen, nicht nur im Foyer der Klinik, sondern auch auf den Fluren der Neurologie zu sehen sind.

Fausch (35) ist gebürtiger Schweizer, kommt aus Zürich, hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, ist Meisterschüler von Siegfried Anzinger und hat sein Atelier in der Landeshauptstadt. 15 Arbeiten hat er für seine Ausstellung ausgesucht, der er den Titel "Cluster" (Einzelteile) gegeben hat. Mehr Titel gibt es bei ihm nicht, denn seine Bilder sind grundsätzlich ohne.

Seit sechs Jahren, so erzählt er, experimentiert er mit Farbmischungen: Acryl mit Schellack, Öl mit Schellack - oder auch alles zusammen öffnet in seiner Malerei unerwartete Räume, die der Betrachter mit seiner ganz eigenen Fantasie erforschen kann. Hier gibt es eine Ahnung von einer Bar, dort von einem Außenraum - Fausch löst die jeweilige Architektur zum einen mit seinem Gestus, zum anderen mit Farbe auf, lässt sie in Einzelteile ausfließen, die ein jedes für sich neue Räume aufmachen. "Ich verfremde gern bekannte Welten und verdichte die Realität", sagt Fausch - was einer Entführung des Betrachters aus dem, was er kennt, in etwas aufregend Fremdes, dass dennoch die Ahnung eines bekannten Anblicks weckt, gleichkommt.

Seine Motive holt er aus dem Internet, sagt der Maler. "Ich bin auch ein Bildersucher und -sammler", meint er lachend. Überhaupt arbeitet er viel am Computer, denn dem Malen auf großen (bis zu vier Meter) oder auch kleineren Leinwänden geht immer eine genaue Vorstudie am Computer voraus. Immer wieder geht es dabei um Architektur, deren Strukturen er in seiner Malerei aufreißt. Fast im Sinne des Wortes, denn neben dem Pinsel setzt Fausch auch Folien ein, mit denen er kleine Flächen auf seinen Bildern schafft, die wie brüchiges Mauerwerk wirken: das sichtbarste Zeichen überhaupt von Auflösung.

In einem Krankenhaus hat Fausch noch nie ausgestellt. Aber ihm gefällt die Idee, dass die Kunst an diesem Ort eher Abwechslung ist als Anlass des Besuches wie in einer Galerie. Entsprechend selbstverständlich bewegt er sich dort. Und natürlich hat er sich vorher die Räumlichkeiten angeschaut, seine Bilder nach Größe, Lichteinfall und Farbe ausgesucht. Denn die drei Komponenten sind ebenso wichtige Einzelteile für seine Kunst wie die Malerei an sich. Davon zeitigen zum Beispiel die Bilder in der vierten Etage, die er genau so gehängt hat, dass das Licht vom Fenster jene Wirkung erzielt, die er beim Malen kalkuliert hat: changierende Farben, die das Bild geradezu lebendig werden lassen, gerade Streifen und Linien, die mal wie Zeichen, mal wie Verletzungen wirken.

Quelle: NGZ
 
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