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Neuss
Familiengeschichte im Stadtarchiv erkundet

Neuss: Familiengeschichte im Stadtarchiv erkundet
Arieh und Naomi Naor beim Sichten von Dokumenten. Zuvor hatte Bürgermeister Reiner Breuer sie empfangen - das bedeutete dem Ehepaar aus Israel viel. FOTO: Lb
Neuss. Arieh und Naomi Naor leben in Haifa. Im Neusser Stadtarchiv fanden sie den Schlüssel zur Erforschung ihrer Familiengeschichte. Von Andreas Buchbauer

Als Arieh Naor im Mai mit der Spurensuche in seiner Familiengeschichte begann, hätte er kaum gedacht, ein halbes Jahr später bereits fünf Generationen zurückverfolgen zu können. Bei der Gleichung "ein Monat = eine Generation" huscht jedoch ein Schmunzeln über sein Gesicht. "Kalte Mathematik", sagt er. Denn so einfach ist es natürlich nicht.

Zweimal ist Arieh Naor mit seiner Ehefrau Naomi aus der Nähe von Haifa nach Deutschland gekommen, um Archive zu durchforten, alte Dokumente zu sichten und so nach und nach all jene Informationen zusammenzusetzen, die am Ende eine Lebensgeschichte ergeben. Es ist die Geschichte der Familie seiner Mutter, die er rekonstruiert. "Für mich ist das sehr emotional", sagt Arieh Naor. Man merkt ihm an, wie froh er ist, seine Ehefrau an seiner Seite zu haben, die ihn unterstützt.

Beide sitzen an diesem Vormittag nebeneinander im Neusser Stadtarchiv, auf einem der Tische nebenan liegen zahlreiche alte Dokumente, und für die sind Arieh und Naomi Naor dankbar: Das Archiv in Neuss liefert sozusagen den Schlüssel zu seiner Familiengeschichte mütterlicherseits. Die Einträge von Geburts,- Sterbe-, Heiratsurkunden und Einträgen beim Einwohnermeldeamt lassen sich wie ein Puzzle zusammenfügen. Stadtarchivar Jens Metzdorf und dessen Kollegin Annekatrin Schaller haben den Besuchern aus Israel bei der Spurensuche geholfen, dabei ist rasch eine vertraute Atmosphäre entstanden. Es sind persönliche Dinge, die Arieh Naor erzählt. "Meine Mutter ist gestorben, als ich 18 Jahre alt war", sagt Arieh Naor. "Ich hatte sie nie nach ihrer Familiengeschichte gefragt." Das hat ihn stets beschäftigt, eine vertane Chance, also begann er nachzuforschen.

Sein Weg führte ihn zunächst nach Eschwege, dann nach Neuss. In der Quirinus-Stadt lebte sein 1855 geborener Urgroßvater Leonard Cohn. Er war Maler- und Anstreichermeister und hatte mit seiner Frau Clothilde vier Kinder. Eines davon war Paula Cohn, die Großmutter von Arieh Naor. Sie wurde 1943 im NS-Vernichtungslager Maly Trostinec (im heutigen Weißrussland) ermordet, sein Urgroßvater Leonard starb im Konzentrationslager Theresienstadt (Tschechien). Auf dem Gedenkstein für die jüdischen Opfer des NS-Regimes an der Promenade sind beider Namen verzeichnet.

Bei ihrem Besuch in der Quirinus-Stadt erfuhren Arieh und Naomi Naor jedoch auch viel über das jüdische Leben in Neuss vor 1933 - und darüber, wie gut ihre Familie integriert war. "Sein Großvater war zum Beispiel Mitbegründer des Männergesangvereins Eintracht", sagt Jens Metzdorf. Bilder von 1931 zeigen ein großes Straßenfest an der Sternstraße, wo die Familie einst lebte. Gefeiert wurde die Goldhochzeit der Cohns. Am einstigen Wohnhaus sind Arieh und Naomi Naor gewesen, auch die Gräber von Familienangehörigen haben sie besucht. Dass Bürgermeister Reiner Breuer sie empfing, bedeutet dem Ehepaar viel. Vor allem aber haben die beiden wichtige Abschnitte der Familiengeschichte rekonstruieren können. "Ich möchte für meine Kinder ein Buch darüber schreiben", sagt Arieh Naor. Ein Exemplar soll es auch für das Stadtarchiv geben.

Quelle: NGZ
 
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