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Angela Schoofs
"Flüchtlinge werden noch ganz wichtig für uns sein"

Neuss. Die Chefin der Arbeitsagentur erklärt die Arbeit der Integration Points, Chancen und Schwierigkeiten bei der Integration von Asylbewerbern.

Warum ist es für Arbeitgeber rechtlich kompliziert, Flüchtlinge einzustellen?

Angela Schoofs Die Rechtsmaterie ist so komplex, weil man sehr nah am Ausländerrecht ist und sehr vieles beachten muss. Die Politik möchte, dass Flüchtlinge frühzeitig in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das betrifft Menschen mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit im Hinblick auf Asylanerkennung oder Duldung für eine bestimmte Zeit. Für die Gruppe aus den sicheren Drittstaaten, etwa vom Westbalkan, haben wir ab Einreisedatum 1. September aber ein Arbeitsverbot. Wir bieten diesen Leuten aber an, dass sie sich in ihren Heimatländern bewerben können, bei uns zu arbeiten. Voraussetzung ist aber, dass sie in den letzten zwei Jahren keine Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezogen haben. Weil die ganze Materie sehr kompliziert ist, wollen wir als Arbeitsagentur vor Ort die rechtlichen Fragen für die Arbeitgeber im Vorfeld klären. So wollen wir daran arbeiten, gelingendes Ankommen zu erreichen.

Für Flüchtlinge werden jetzt landesweit "Integration Points" eingerichtet.

Schoofs Genau. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir seit Ende Juni im Rhein-Kreis und in Mönchengladbach mit den kommunalen Verantwortlichen ein gemeinsames Konzept entwickeln, um Flüchtlinge möglichst schnell zu integrieren. Wir haben ab dem 1. Dezember in der Arbeitsagentur und in den Jobcentern 30 vollzeitäquivalente Stellen zusätzlich zur Verfügung. Und die ganz wichtige Botschaft an alle, die Arbeit suchen, ist: Wir haben zusätzliches Personal, wir haben zusätzliches Geld, damit niemand weniger bekommt als vorher. Keiner kommt zu kurz.

Was für Personal ist das?

Schoofs Das sind erfahrene Kollegen, die schon bei uns arbeiten und an ihren bisherigen Stellen von neuen Mitarbeitern ersetzt werden. Und wir haben vier hochqualifizierte neue Kollegen gewonnen. Sie sprechen Urdu, Farsi, Arabisch, Englisch, Französisch. Diese Mitarbeiter schulen wir jetzt weiter für die "Integration Points".

Ihr Konzept beginnt mit dem Schritt "Early Intervention" ("frühes Eingreifen"). Was bedeutet das konkret?

Schoofs Das bedeutet Orientierung und Gruppeninformation vor Ort in den ersten drei Monaten. Wir gehen mit einem Arabisch-sprechenden Vermittler in die Kommune. Dort informieren wir Flüchtlinge über den Arbeitsmarkt. Wir nehmen Daten auf und fragen ab, was die Menschen eigentlich können. Und dann schauen wir, was nach unseren Kriterien davon verwertbar ist. Wir unterbreiten Angebote für Deutsch-Kurse oder sogar erste Qualifikationen. Und wir leiten über zu ersten individuellen Beratungen. Das passiert bereits seit Ende September.

Wie wollen Sie die Flüchtlinge danach in Arbeit bringen?

Schoofs Im Rahmen der "Early Intervention" stellen wir fest, welche Deutschkenntnisse vorhanden sind und was die Menschen in ihren Heimatländern beruflich gemacht haben. Mit diesen Informationen können wir eine Berufsorientierung geben. Wenn wir herausfinden, dass jemand zum Beispiel Kenntnisse in der Holzbearbeitung hat, machen wir eine vertiefte Orientierung in diesem Fachgebiet. Man kann Holz in einer Schreinerei bearbeiten, beim Zimmerer, beim Restaurateur, aber auch im Verkauf. Kennt derjenige Maschinen oder nur Hobel und einfaches Werkzeug? Und dann überlegen wir, wie wir weiter qualifizieren müssen. Dazu gibt es Berufsfelderprobungen etwa in einer Trägerwerkstatt oder bei einem Arbeitgeber. Und dann wissen wir, welche Anpassungsqualifizierungen wir machen müssen. So kommen wir zur Vermittlung in den Arbeitsmarkt mit und ohne Förderung.

Sie finden also heraus, was ein Flüchtling kann und was er noch lernen muss. Sie erarbeiten also einen Integrationsplan.

Schoofs Genau. Das geht nicht von heute auf morgen. Rund zehn Prozent der Menschen werden sofort für den Arbeitsmarkt vermittelbar sein. Die anderen bringen Motivation und Engagement mit. Das ist unser Aufsatzpunkt für die berufliche Qualifizierung. Wir brauchen Arbeitgeber, die Geduld haben, Flüchtlingen eine Chance zu geben, sich im Betrieb zu erproben. Die Menschen müssen bei ihrer weiteren Qualifizierung begleitet werden.

Wie lange wird das dauern?

Schoofs Nach langjährigen Erfahrungen sind nach fünf Jahren 50 Prozent der Flüchtlinge in Arbeit. Wenn wir Beispiele von gelungener Integration haben, sind das fast immer Menschen, die zwei Jahre oder länger hier sind. Das wollen wir verkürzen: Die Leute sollen früher soweit sein. Allerdings sagen wir in der Arbeitgeberberatung ganz klar: Es wird nicht gelingen, den Arbeitskräftebedarf auf Fachebene sofort mit Flüchtlingen zu decken. Flüchtlinge sind das Potenzial, weil sie motiviert und engagiert sind, um mittelfristig Fachkräftebedarfe zu decken. Die Integration von Flüchtlingen ist ein Marathon-Lauf und kein Sprint.

Was sagen Sie Leuten, die behaupten, Flüchtlinge nähmen Arbeitsplätze weg?

Schoofs Denen sage ich: Diese Menschen werden ganz wichtig für uns sein. Weil wir Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser vor Ort halten können. Wir haben Menschen, die in die Innenstädte gehen und konsumieren. Wir haben Beitragszahler. Wir haben mittelfristig Fachkräfte. Wir haben die Chance, alle negativen Auswirkungen des Demographiewandels abzuflachen. Da die Flüchtlinge heute nur zu einem geringen Teil dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, nehmen sie auch heute keine Jobs weg. Wenn Unternehmen händeringend Auszubildende suchen, sollten sie froh sein, wenn es demnächst Flüchtlinge gibt, die sagen: Ja, ich möchte ausgebildet werden. Wir sollten die Chancen sehen und daraus echte Perspektiven machen. Das ist harte Arbeit.

Schaffen wir das?

Schoofs Erstens gibt es keine schnellen Erfolge. Zweitens lohnt es sich aber. Und drittens muss man konzentriert einen individuellen Integrationsplan erarbeiten und diesen Schritt für Schritt verfolgen. Dann kann das Ankommen gelingen. Es gibt einen großen Schulterschluss zwischen Arbeitsagentur, Jobcentern und kommunalen Partnern sowie den Unternehmen: Wir wollen das gemeinsam stemmen. Wenn wir Menschen und Ausbildung zusammen bringen, tragen wir zum sozialen Frieden bei.

ANDREAS GRUHN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
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