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Neuss
Für Franz Kafka das Mathe-Studium aufgegeben

Neuss. Reiner Stach ist Experte und hat drei Bücher über Franz Kafka herausgegeben. Morgen liest er in der Stadtbibliothek. Von Philipp Schlüter

Es ist schier unglaublich: 18 Jahre hat Reiner Stach (geboren 1951) an der dreibändigen, 2027 Seiten starken Biografie des Prager Schriftstellers geschrieben. Im Jahre 2014 erschien der letzte Band unter dem Titel "Kafka - Die frühen Jahre", für welchen er den Bayerischen Buchpreis erhielt und der ebenfalls für den Preis der Leipziger Buchmesse (Kategorie: Sachbuch) nominiert war. Stachs Lebensbeschreibung überragt wie ein Monolith das Feld der Kafka-Biografien.

Wohl keiner kennt sich mit Leben und Werk Kafkas so dezidiert angenehm aus wie der Literaturwissenschaftler und Publizist Reiner Stach. Am Dienstag ist er am Marienberg-Gymnasium zu Besuch und abends liest er in der Neusser Stadtbibliothek aus seinem dritten und letzten Band über den Schriftsteller Franz Kafka.

"Zunächst mal war ich Kafka-Fan", sagt Reiner Stach. Während seines Staatsexamens in den Fächern Mathematik und Literaturwissenschaft las er zum ersten Mal Kafkas Tagebücher und Briefe. "In den Tagebüchern kam Kafka mir als Person sehr nahe, und das war für mich der Grund, voll einzusteigen", erzählt er. "Voll einzusteigen" hieß für Stach, sein Mathematik-Studium an den Nagel zu hängen. 1985 promovierte er - na klar - über Kafka und begann 1996 im Auftrag des S. Fischer-Verlages mit der Arbeit am ersten Biografie-Band.

Eines wird im Gespräch mit Stach ganz schnell klar: Die Flamme "Kafka" brennt weiterhin mit Begeisterung. "Kafka beobachtet sehr präzise, sehr ehrlich. Er versucht genau, seine eigene Position zu beschreiben und nicht Verantwortung abzuwälzen. Das ist mir sympathisch von Grund auf", sagt Reiner Stach. Die damals gängigen Klischees über Kafkas Person seien ungenau gewesen: "Weltfremd und lebensunfähig - das waren die Stichworte, und das stimmt so einfach nicht", erklärt er.

Franz Kafka selbst, geboren 1883, wuchs in einer Zeit auf, die vom technischen Fortschritt und der Entstehung der modernen Massengesellschaft geprägt war: "Telefon, Auto, Kino - die technischen Innovationen, die auf die Leute einprasselten. Die ersten Flugzeuge." Stach zählt auf und ergänzt: "Die Reaktion mancher Leute war: So kann es nicht weitergehen. Da müssen wir einen Gang zurückschalten." Die Lebensreformbewegung entstand, Kafka selbst ernährte sich vegetarisch.

Auf seine plaudernd-unterhaltsame, sofort Interesse weckende Art macht Reiner Stach klar, dass Fleischessen damals ein Zeichen für Wohlstand war. Um die Bedeutung dieser Verweigerung des in Tschechien geborenen und 1924 im österreichischen Klosterneuburg gestorbenen Schriftsteller zu verstehen, bringt er gleich ein handfestes Beispiel: "Das ist so, als wenn Ihr Vater Millionär wäre und er würde Ihnen zum Abitur einen Sportwagen schenken, und Sie geben den Sportwagen weg, weil Sie lieber Fahrrad fahren."

Mit Sachverstand und Herz gibt Stach seinen Kafka weiter - am morgigen Dienstag ab 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek am Neumarkt. Der Eintritt kostet sieben Euro.

Quelle: NGZ
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