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Neuss
Geheimdienstler, Steinstoßer, Buchautor

Neuss: Geheimdienstler, Steinstoßer, Buchautor
30 Kilo wiegt der Kiesel, mit dem Dieter Wolf gerade auf der Anlage des TSV Bayer Dormagen trainiert. FOTO: Lothar berns
Neuss. Dem Sport wird Dieter Wolf ein Kapitel widmen und eines ist für das Tennis-Match gegen Willy Wimmer reserviert. Von Nicole Scharfetter

Die Schränke und Regale sind voll im Zimmer unter dem Dach des Reihenhauses in Norf. Überall Ordner, die Dieter Wolf feinsäuberlich beschriftet hat - von Hand. Darin befinden sich Notizen und Seiten und Skizzen, ganze Kapitel sind es inzwischen, die ein Buch ergeben sollen. Mit den Computern hat es der 78-Jährige nicht so, jemand wird ihm die Texte schon abtippen. Jemand muss ihm die Texte abtippen, weil die Geschichten, die Dieter Wolf zu erzählen hat, so spannend sind. Es sind die Geschichten seines Lebens, die Hollywood nicht besser hätte schreiben können.

Das letzte Kapitel zum Beispiel wird von Sohn Matthias handeln, der in Kambodscha vom Motorrad heruntergeschossen und von den Roten Khmer ein Jahr lang als Geisel gefangen gehalten wurde. "Dann haben die Rebellen ihn hingerichtet", sagt Dieter Wolf. 20 Jahre ist das jetzt her, eine Leiche wurde nie gefunden. "Einen Sack mit verkohlten Überresten gab es", sagt der 78-Jährige. Darin seien unter anderem Hühnerknochen gewesen - "aber nicht die eines Europäers", erzählt Wolf, der damals am liebsten persönlich mit den Rebellen verhandelt hätte.

Ob er etwas hätte bewirken können, das weiß er nicht. Es wäre ein Versuch gewesen. Immerhin war Wolf viele Jahre bei der Bundeswehr als Flieger, später bei der Spionageabwehr und irgendwann Dienststellenleiter des Militärischen Abschirmdienstes, kurz MAD. Kaum drei Jahre blieben er und seine Familie in einer Stadt, immer wieder wurde Dieter Wolf versetzt. Damals, als er noch Dezernatsleiter war, trafen er und seine Kollegen sich ab und an zum Essen. Irgendwann gab dann der erste eine Runde aus, die anderen legten nach. "Ich habe die Schnäpse meinem linken Nebenmann gegeben", sagt Wolf. "So lange, bis der nicht mehr konnte." Dann sei der rechte dran gewesen, und zum Schluss kippte Wolf den Schnaps in sein Bierglas. Diese Geschichte will Wolf auch erzählen in seinem Buch, weil er als Sportler nie Schnaps getrunken hat.

Als Jugendlicher machte Wolf Rasenkampfsport, später Zehnkampf, "die 1500 Meter kamen mir immer vor wie ein Marathon", sagt er. Er sei nie ein Läufer gewesen. Dann aber lief er irgendwann die 42,195 Kilometer und stieg schließlich auf Triathlon um. "Nach fünf Jahren habe ich damit aufgehört", sagt Wolf, und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Weil meine Frau mir bei dem vielen Training mit Scheidung drohte." Vor 30 Jahren, als Dieter Wolf vom Geheimdienst zu Rheinmetall wechselte, wurde die Familie in Neuss sesshaft. Seitdem nimmt er an Wettkämpfen teil, unter anderem mit dem TSV Bayer Uerdingen, wo er heute noch montags und mittwochs Steinstoßen trainiert. Wolf hebt Steine, die bis zu 50 Kilo schwer sind. In seinem Keller hat er ein kleines Fitnessstudio eingerichtet, dort stärk er Rücken- und Bauchmuskeln. Beim Bankdrücken stemmt er 80 Kilo - mit seinen fast 80 Jahren. "Es könnten auch 100 sein", sagt er. Aber an die traut sich Dieter Wolf allein nicht ran, weil ihm seine Frau nicht helfen könnte, sollte er einmal ins Trudeln geraten mit den Gewichten.

Tennisspielen kann Dieter Wolf übrigens auch, an ein Match erinnert er sich gern und ungern zugleich. "Das war auf Mallorca, da sprach ich einen Mann an, ob wir mal spielen wollen", erzählt er. Der Mann kam Wolf bekannt vor, nur zuordnen konnte er ihn nicht. "6:4, 6:0 ist das Spiel ausgegangen", erzählt der 78-Jährige. "Für den anderen." Später, als der Gegner Wolf in sein schickes Bungalow mit der großen Antenne auf dem Dach einlud, fiel es ihm ein: "Ich habe gegen Willy Wimmer gespielt, der damals Staatssekretär des Verteidigungsministeriums war." Zu ihm sucht Wolf gerade Kontakt, um ihn zu fragen, ob die Veröffentlichung der Geschichte in Ordnung geht.

Quelle: NGZ
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