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Neuss
Geisslers Geschichten aus der Bibel

Neuss: Geisslers Geschichten aus der Bibel
Von allerhand Kreaturen begleitet: der "Höllensturz" der gefallenen Engel. FOTO: Rolf Geisler
Neuss. Schon seit einigen Jahren lädt der Künstler Rolf Geissler am Wochenende vor Schützenfest zu einer Ausstellung in sein Atelier ein und zeigt dabei seine neuen Arbeiten. Dieses Mal sind es Federzeichnungen zu biblischen Erzählungen. Von Helga Bittner

Wenn der Grafiker Rolf Geissler arbeitet, geschieht das nie aus einem Nichts heraus. Manchmal ist zwar erst ein Bild da, aber schon im nächsten Moment auch eine Assoziation zum Wort. Der Künstler - so wenig angepasst er wirken mag - ist ein Bildungsbürger im besten Sinn. Belesen, neugierig und mit einem Gedächtnis ausgestattet, das ihn ganze Verse oder Zeilen aus literarischen Werken von Jetzt auf Gleich zitieren lässt. Aber dass er religiös ist - nein, auf die Idee kommt man wohl nicht.

Was also hat es damit auf sich, dass Geisslers traditionelle "Kurz-vor-Schützenfest"-Ausstellung den Titel trägt "Neue Sicht aufs alte Testament"? Ist er jetzt unter die Bibelleser gegangen? Ja und nein. Ja insofern, als dass er Geschichten aus der Bibel aufs Papier bringt - dieses Mal mit der Feder -, und nein insofern, als dass seine bildnerischen Interpretationen immer noch seine Handschrift zeigen, die von Spott zeugt, aber auch von vielem Nachdenken. "Freie Grafik" - der Begriff, mit dem Geissler sein Metier tituliert, darf bei ihm immer wörtlich genommen werden. Aber jetzt erst recht.

Der schwertbehängte Goliath fürchtet den kleinen David nicht. Noch nicht. FOTO: Rolf Geissler

In der ersten, noch "unbedachten" Feder-Zeichnung zur Mann-Frau-Beziehung sah er eine Verbindung zum Buch Henoch in den nicht zum biblischen Kanon gehörenden Apokryphen: Vom Himmel gefallene (Männer-)Engel paaren sich mit Töchtern der Erde - und herauskommen Riesen. "Da war ich sofort bei Adam und Eva", sagt er. Auf dem ersten Blatt sind die beiden noch zwei Wesen in glücklichen, unbeschwerten Zeiten, ein bisschen puppenhaft und kindlich und weit weg vom Sex. Auf dem zweiten schon ein Paar, das einander nicht nur am Körper, sondern auch im Gesicht des Gegenübers erkennt.

Dann der "Höllensturz" der gefallenen Engel: allerhand Kreaturen, von denen einige erst beim zweiten Blick in dem dunklen Hintergrund aus Tusche und Tinte zu entdecken sind. "Halb- und Vollengel, alles was kreucht und fleucht" habe er in dieses Bild hineingepackt, sagt Geissler. Auch die drohende Sintflut und die Arche Noah sind ein Thema. Der Dinosaurier muss draußen bleiben, der Werwolf ebenso und Donald Duck auch. Die Bremer Stadtmusikanten haben sich schon auf dem Deck aufgebaut, und der "Sündfloh" ist auf dem Sprung - da ist es dann wieder, das Geisslersche Augenzwinkern beim Blick auf den Zustand dieser Welt und die Menschen. Samsons Geschichte endet mit dem Urteil "der erste Selbstmordattentäter der Geschichte", David schlägt Goliath mit dem Satz "Philister go home" oder der "Turmbau zu Babel" ist aus Geisslers Sicht die "erste unvollendete Großbaustelle" der Weltgeschichte. Mord und Totschlag spielen in der Bibel immer wieder eine große Rolle - was Geissler mit dem für ihn untypischen Griff zur Farbe unterstreicht. Wenn von Davids Schwert des Blut Goliaths rot herabtropft und von Kains Keule ebenso, dann wirkt das eher wie ein beißender Kommentar und nicht schlicht nur als "grafisches Element", wie der Künstler es sagt.

So manches Bild ist mit der kompletten Geschichte beschrieben, auch ergänzt mit Zitaten aus anderen großen Werken wie von Thomas Mann oder aus dem "Ulysses" von James Joyce. Geissler darf das, denn bei ihm durchdringen die Bilder die Worte und umgekehrt. Deswegen hat es auch nichts Vermessenes, wenn bei den Texten konstatiert werden kann: aus der Bibel, von Thomas Mann, von Rolf Geissler.

Quelle: NGZ
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