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Neuss
Gestickter Wandschmuck bringt Segen

Neuss: Gestickter Wandschmuck bringt Segen
FOTO: CSM
Neuss. Im Feld-Haus, der Dependance des Clemens-Sels-Museum auf der Raketenstation wird eine neue Ausstellung eröffnet.. "Von Edelweiß und Goldlamé - Gestickte Haussegen auf Luxuspapier" zeigt Exponate aus der eigenen Sammlung. Von Helga Bittner

Zum dritten Mal präsentiert Ulf Sölter im Feld-Haus eine Ausstellung, die sich ergeben hat, weil er und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Romina Pieper "mal wieder in den Beständen gekramt und Interessantes gefunden haben". Wie er lächelnd sagt. Die Bestände - das sind die Konvolute der Populären Druckgrafik, die die Gründungsdirektorin des Clemens-Sels-Museum, Irmgard Feldhaus gesammelt hat, und die ihre Heimstatt in der ebenfalls von ihr finanzierten Dependance auf der Raketenstation gefunden haben. Von "kramen" kann natürlich nicht wirklich die Rede sein, denn hinter der Aufbereitung steckt ein Aufwand, der den Exponaten der kleinen, aber feinen Schau mit dem Titel "Von Edelweiß und Goldlamé - Gestickte Haussegen auf Luxuspapier" nicht anzusehen ist.

Auf zwei Räume, einem kleinen und einem der beiden großen (ein zweiter ist der noch von Irmgard Feldhaus zusammengestellten Dauerausstellung vorbehalten) sind die rund 70 Exponate verteilt. Nicht alle hängen, manche stecken in Schubladen zweier großer Holzkommoden - wahre Schau-Kästen also.

Beim Aufarbeiten der Feldhaus-Sammlung sind Sölter und Pieper auf ein Konvolut gestoßen, das nach den Ausstellungen mit den Blättern aus dem Feldner-Verlag und denen zu "Schutzengeln" die Beschäftigung mit einem technischen Thema ermöglichten - dem Papierkanevas.

Der Begriff kommt vom englischen "canvas" (Gewebe), meint Lochkarten (die in England erfunden wurden) mit Motiv-Vordrucken, die Ende des 19. Jahrhundert von Frauen in Heimarbeit mit Segenssprüchen bestickt wurden. Auf Flohmärkten oder bei Haushaltsauflösungen hat Irmgard Feldhaus sie einst erstanden. Als große Kunst galten die Blätter nie, wurden nicht sehr sorgsam behandelt und "waren nun auch in keinem guten Zustand", wie Sölter erklärt.

Mit dem Restaurator des Stadtarchivs, Marcus Janssens, war jedoch ein Fachmann zur Stelle, der in der Konservierung und Restaurierung der Lochkartenstickereien zugleich auch zum Pionier wurde, weil er auf die unterschiedlichsten Materialien stieß: Zelloloid, Stoff, Pflanzenreste, Stickfäden in verschiedenen Farben. "Und an Schäden hatten wir alles dabei", sagt er, "Lichtschäden, Insektenfraß und Schimmel."

Mit viel Feingefühl hat er die ausgestellten Blätter bearbeitet. Was in der Ausstellung auch deutlich gemacht wird, indem beispielsweise die abmontierten Papierrückseiten mit dem vom Licht durchgepausten Spruch in einer Schublade zu finden sind. Auch der kleine Katalog (3,50 Euro) gibt einen guten Einblick in seine Arbeit.

Sölter und Pieper haben für die Schau zudem Blätter ausgesucht, die einerseits deutlich machen, dass die Haussegen auf Lochkarten Massenware waren, aber andererseits auch wiederum als Unikate durchgehen können. Das zeigt besonders eine Reihe von Blättern, die den gleichen Vordruck haben, aber unterschiedlich bestickt wurden. Sowohl in der Schrift wie auch in der Gestaltung der Kleidung der den gekreuzigten Christus anbetenden Frauen und der Ausgestaltung des Bildes an sich: So manche Ranke blieb unbestickt.

Die industrielle Produktion der Lochkarten machte den Vertrieb von bis zu 10.000 Exemplaren eines Motivs möglich. Verkauft wurden die fertigen Stickereien vor allem von Hausierern, sagt Romina Pieper. Für die Frauen war es harte Arbeit, vier dieser Kanevas pro Stunde wurden vorausgesetzt.

Vor allem Haussegen erfreuten sich großer Beliebtheit. Sprüche wie "Wo Glaube da Liebe, wo Liebe da Friede ..." finden sich mal mehr, mal weniger verziert, mal in ganzer Länge, mal nur mit den ersten Worten auf den Blättern. Aber auch für das junge Paar, für Mutter- und Vaterglück gab es Sinnsprüche, ebenso sollen sie Trost bei Todesfällen oder Mut zum Leben zusprechen: "In Leid und Schmerz schau himmelwärts" oder "Wenn du im Unglück willst verzagen, so denk an Kaiser Friedrichs Wort: gerne leiden ohne zu klagen". Verziert wurde letzteres zum Beispiel mit einem gemmenartigen Bild des Kaisers - allerdings ist es nur aus billigem Zelluloid.

Die Optik der Segenssprüche mag die heutigen Menschen eher belustigen, für ihre Vorfahren waren sie wichtig. Und sie dokumentieren nebenbei auch ein Stück Rezeption großer Kunst. Der linke Engel von Rafaels Ölgemälde der Sixtinischen Madonna war schon vor mehr als 100 Jahren beliebtes Motiv, ebenso wie der dornengekrönte Christus des Barockmalers Guido Reni. Der spirituelle Blick des Gottessohnes wurde auch gerne mit der Einfassung von Farn und Edelweißblüten betont.

Quelle: NGZ
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