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Serie Rätsel Der Stadt (9)
Grabsteine sind älter als der Friedhof

Neuss. Einige Grabsteine auf dem 1873 angelegten Hauptfriedhof sind 200 Jahre alt. Von Ludger Baten

Neuss Irgendwann kommt der Besucher ins Grübeln. Das geschieht spätestens, wenn er die römischen Ziffern MDCCCXXXVIII richtig in die Zahl 1838 übersetzt, das Jahr, in dem Jacobus Poll gestorben ist. So steht es auf seinem Grabstein auf dem Neusser Hauptfriedhof, der aber erst - und jetzt wird's rätselhaft - 45 Jahre nach dem Tod von Poll angelegt wurde. Wie geht das?

Des Rätsels Lösung: Als 1873 der neue Friedhof vor den Toren der Stadt, an der damaligen Landstraße nach Büttgen, angelegt wurde, bedeutete das zugleich die Aufgabe des alten Friedhofs. Der befand sich seit Ende des 18. Jahrhunderts auf einem Gelände, auf dem heute die Marienkirche steht. Damals zogen dort Begrabene zur neuen Ruhestätte um und mit ihnen auch ihre Grabsteine. So war es auch bei Jacobus Poll. Und er ist nicht allein.

Wer über den heutigen Hauptfriedhof an der Rheydter Straße spaziert und das Gräberfeld 28 umrundet, der entdeckt eine ganze Reihe von nahezu 200 Jahre alten Grabsteinen, die ausgangs des 19. Jahrhundert umgesetzt wurden. Darunter auch das spätklassizistische Mal, das dem ehemaligen Posthalter Nepes gewidmet ist, der einst dort arbeitete, wo heute das Stadtarchiv sein Domizil hat. Es lohnt, das Motiv auf dem Grabstein von Jacobus Poll zu studieren. Der Todesengel weist auf den Himmel, an dem eine Libelle ihre Kreise zieht. Die Libelle als Symbol der Aufklärung vermischt sich mit christlichen Elementen. Kunsthistoriker Max Tauch, der frühere Direktor des Clemens-Sels-Museums, schloss daraus, dass der Verstorbene ein besonders aufgeschlossener, toleranter Katholik gewiesen sei: "Das ist ungewöhnlich, zumal für einen Kanoniker."

Die Neusser nutzten in den vergangenen Jahrhunderten vor allem drei Friedhöfe. Neben dem heutigen Hauptfriedhof und seinem Vorgänger auf dem Marienkirchen-Areal war da noch das Gelände um die Münsterkirche St. Quirin, auf dem ursprünglich die Verstorbenen beigesetzt wurden. Damit war aber 1797 Schluss. Später wurden die sterblichen Überreste von den an der Quirinuskirche beerdigten Menschen in ein Grab auf dem Hauptfriedhof übertragen.

Auf dem Areal an der Rheydter Straße verteilen sich heute rund 21.500 Gräber auf 53 Hektar. Der Friedhof ist ein Ort der Trauer, er ist aber auch ein Park, in dem sich wie in einem Buch über die Stadtgeschichte lesen lässt. Die Namen der Toten auf den Grabsteinen schreiben das "Who ist Who" der Neusser Persönlichkeiten und Familien. Ein Sparziergang über den Hauptfriedhof lohnt sich. Besonders im Herbst.

Quelle: NGZ
 
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