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Neuss
Gradliniger Modern Jazz von einer ungewöhnlichen Sängerin

Neuss. In der Reihe "Blue in Green" in der Alten Post überzeugte Sängerin Anne Czichowsky im Trio mit Thilo Wagner und Steffen Kistner. Von Barbara Steingießer

"Ich bin ein großer Fan von Straight-ahead-Jazz", sagt die Stuttgarter Jazzsängerin Anne Czichowsky zu Beginn ihres Konzertes in der Alten Post. Und was sie dem Publikum bietet, ist genau das: gradliniger Modern Jazz, der sich an Swing und Bebop orientiert und sich nicht um modischen Schnickschnack schert. Es mag verwundern, dass gerade diese zeitlose Ausprägung im Vocal Jazz heute so selten geworden ist, denn nie zuvor hat es in Deutschland so viele Jazzsänger und vor allem -sängerinnen mit Hochschulabschluss gegeben wie heute. Bei der immer größer werdenden Anzahl von Jazz-Pop- oder Pop-Jazz-Vokalisten und Singer-Songwritern mit Jazz-Touch widmen sich immer weniger junge Vokalisten dem Kern des Jazz, der Improvisation.

Czichowsky gehört zu dieser seltenen Spezies. Sie scattet, imitiert mit ihrer Stimme Blasinstrumente und widmet sich der hohen Kunst des Vocalese. Das heißt, sie transkribiert klassische Instrumental-Soli und schreibt eigene Texte dazu. Die Pflege des Erbes bedeutet bei ihr nicht etwa bloße Konservierung. Sie hält die Tradition lebendig, indem sie mit dem überlieferten Material spielt und es verändert.

Als sie den Standard "Bluesette" von Toots Thielemans ansagt, gesteht sie bescheiden: "Wir haben da etwas weggelassen." Doch was nach Vereinfachung klingt, macht die Sache für die Musiker in Wahrheit schwieriger. Denn das, was Czichowsky weglässt, ist eine Achtelnote pro Takt. Das heißt, aus dem 6/8- wird ein 5/8-Takt. Und wenn sie in dem Miles-Davis Klassiker "Four" aus dem 4/4- einen 5/4-Takt macht, setzt sie die Zahlenspielerei bis in den Songtext hinein fort.

Hatte Jon Hendricks in den Lyrics von vier wundervollen Dingen im Leben gesprochen, nämlich von Wahrheit, Ehre, Glück und Liebe, so fügt sie - passend zur Taktart - noch ein Fünftes hinzu: die Musik. Dass sie selbst die Musik braucht, um glücklich zu sein, merkt man ihr im Zusammenspiel mit Thilo Wagner (Piano) und Steffen Kistner (Bass) an.

Das ganze Spektrum ihrer Kunst von Ballade bis Up-Tempo kann Czichowsky in dem Gershwin-Song "But Not For Me" präsentieren. Das weiche Timbre im vorangestellten langsamen Verse, das swingende Feeling im Thema und die punktgenaue Phrasierung in der zungenbrecherischen Vocalese-Passage, die sie über ein Double-Time-Solo von Chet Baker geschrieben hat. Der größte Wurf aber ist ihr kluger Text zum Instrumentalstück "Idle Moments" (Momente der Muße) von Duke Pearson. Man hört den lässigen Swing, lehnt sich zurück und weiß plötzlich, wozu es Momente der Muße gibt: für solche Musik.

Quelle: NGZ
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