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Neuss
Graf Pfeil - Norfs letzter Bürgermeister

Neuss. In Schlesien wurde er vor 100 Jahren geboren. Im rheinischen Norf wurde er heimisch und stieg zum Bürgermeister auf. Er wusste um die Integrationskraft des Sports, den er als Vize-Landrat im Rhein-Kreis förderte - Wilhelm Graf von Pfeil. Von Ludger Baten

Als Wilhelm Graf von Pfeil 1964 erstmals in den Gemeinderat gewählt wurde, wohnten 3500 Menschen im Dorf. Als er neun Jahre später als letzter Bürgermeister von Norf die Gemeinde nach dem Verlust ihrer Selbstständigkeit in die Verantwortung der Stadt Neuss übergab, waren es bereits 9000 Einwohner. Die Industrie-Unternehmen Alunorf und VAW wurden angesiedelt; Mitarbeiter ließen sich in Norf nieder. "Wie binden wir die Hinzugezogenen an den Ort?", fragten sich damals Graf Pfeil und seine Mitstreiter. Ihre Antwort: Sport- und Schützenverein übernehmen Schlüsselrollen im Integrationsprozess. Offenbar erfolgreich, denn im Nachhinein spricht Graf Pfeil von "vorbildlicher Arbeit".

Integration - ein Begriff, der damals wie heute aktuell ist. Wenn Graf Pfeil über Flüchtlinge und Neubürger, über Integration und (neue) Heimat sprach, dann sprach er aus eigener Erfahrung. Er war ein Vertriebener. Heute vor 100 Jahren wurde er im schlesischen Neumarkt geboren. Zweimal wurde er im Zweiten Weltkrieg verwundet, erholte sich in einem Lazarett in Bayern, wo ihn seine spätere Frau gesund pflegte. 1946 kam Graf Pfeil nach Norf, wo er später die Bewirtschaftung von Gut Vellbrüggen übernahm; immer an seiner Seite seine Gattin Gräfin Jutta, geborene von Waldthausen.

Graf Pfeil, der zu den Gründern der CDU in Norf gehörte, folgte dem Ruf in die Politik; wurde Gemeinderat und bereits 1969 zum Bürgermeister der expandierenden Gemeinde gewählt. Das Amt hatte er bis zur Kommunalen Neugliederung 1975 inne. In dieser Zeit kämpfte Graf Pfeil gegen die Eingemeindung nach Neuss. Wenn schon die Selbstständigkeit verloren gehe, so favorisierten die Norfer einen Plan B: Gemeinsam mit Rosellen, Nievenheim und anderen Ortschaften wollten sie südlich von Neuss eine neue Gemeinde bilden. Es kam anders. Norf wurde in der Silvesternacht 1974/75 ein Stadtteil von Neuss.

Dass es nicht die schlechteste Lösung war, wurde ihm später klar. Graf Pfeil war Sportsmann genug, um seine neue Erkenntnis auch zuzugeben. "Im Nachhinein", so urteilte er später, "ist uns der Zusammenschluss mit Neuss leichter gefallen als die Eingemeindung von Nievenheim oder Straberg in den Bereich der Stadt Dormagen." Eine entscheidende Rolle schrieb er dabei dem 1982 verstorbenen Oberbürgermeister Herbert Karrenberg zu: "Er hat den neuen Stadtteilen ausreichend Freiräume zugestanden." Dieses System hielt auch Graf Pfeil für richtig, der einmal bei einem Empfang Stadt Neuss versicherte: "Wir werden um so bessere Neusser sein, je mehr wir Norfer sein dürfen."

An den großen Norfer und letzten Bürgermeister erinnert auch Bürgermeister Reiner Breuer: "Graf von Pfeil war ein überzeugter Kommunalpolitiker, der immer die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinde betont hat. Er selbst hat stets nach dieser Maxime gehandelt und galt als engagierter Fürsprecher für seine Heimat."

Graf Pfeil war eine starke politische Persönlichkeit, weil er unabhängig war, unabhängig auch von persönlichen Zielen. "Die Politik im Bundes- oder Landtag ist mir zu abstrakt. Abgeordneter war und ist für mich keine Herausforderung." So engagierte er sich, der immer die "Politik zum Anfassen" suchte, nach der Kommunalen Neugliederung im Kreistag. Dort wurden seine Fähigkeiten geschätzt; er wurde Stellvertreter des Landrates und war lange Jahre prägender Vorsitzender des Sportausschusses. Auch dort förderte er den Sport, weil er ihn als soziale Kraft der Integration verstand: "Was in Norf wichtig und richtig war, lässt sich auch auf andere Ortschaften übertragen."

Quelle: NGZ
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