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Neuss
Groteske von der Endstation des Lebens

Neuss: Groteske von der Endstation des Lebens
Der Tod ereilt jeden - auch Herrn Tormann(Jochen Langenbach). Und die Pflegerinnen (Vanessa Harbrecht, Sara Langenbach, Carmen Metje) feiern ihn. FOTO: Alte Post
Neuss. Stefan Filipiak hat in der Alten Post "King Kongs Töchter" von Theresia Walser inszeniert. Drei Pflegerinnen in einem Altenheim helfen dem Tod nach und feiern den Sterbenden in Hollywoodmanier. Von Dagmar Kann-Coomann

Ein paar bunte Wimpel können nicht darüber hinwegtäuschen, dass da keine Party mehr stattfindet: Ein Altenheim ist der Ort in Theresia Walsers Stück "King Kongs Töchter", und Stefan Filipiak tut in seiner Inszenierung für die Alte Post sehr gut daran, sich weniger für das Mordgeschehen in Walsers Drama zu interessieren als vielmehr die Gelegenheit zu einer sensiblen Studie der Menschen zu nutzen, die an diesem Ort leben und sterben. Eine Endstation für die Bewohner, deren zunehmend immobile Körper die Kontrolle über sich selbst längst verloren haben, und deren Köpfe in ausweglosen Endlosschleifen fragmentarischer Erinnerungen gefangen und kaum mehr zugänglich sind. Endstation auch für die Pflegerinnen, die ihre Träume vom Leben aus Hollywoodschmonzetten beziehen und sich zwischen Exkrementen und weißen Laken nach einem ganz anderen Leben weit weg von dort sehnen.

So wird Filipiaks wunderschöne, sehenswerte Inszenierung zu einer brillanten kleinen Milieustudie, der die zauberhafte Balance zwischen Tragik und Leichtigkeit, Trauer und Humor gelingt. Dank der hervorragenden Leistungen aller Beteiligter wird sie zu einem Statement über das Ende des Lebens, anrührend und authentisch. Claudia Ehrentraut gelingt ein tolles Bühnenbild mit einem klinisch-weißen Raum, der jenseits blanker Funktionalität im Zeichen des Sparzwangs keinerlei Refugien zulässt und durchzogen ist von bunten Wäscheleinen, die den taumelnden Bewohnern Halt nur suggerieren.

Den Traum von den im Leben verpassten körperlichen Genüssen träumt Anja Kloth als Frau Greti und schafft es dabei, die Sehnsucht nach den vergangenen Chancen zu zeigen und doch jegliche Bloßstellung ihrer Figur erfolgreich zu vermeiden. Als Frau Albert, gefangen in wenigen Sätzen und im steten Dialog mit ihrem imaginierten Alter Ego Hilde, gelingt Traudel Pothen-Salvati eine sehr einfühlsame Darstellung zwischen körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit. Jochen Langenbach überzeugt nicht nur als sterbender Herr Tormann, dessen Geist sich längst vor seinem Körper verabschiedet hat, sondern ebenso als der Obdachlose Rolfi mit dem unruhigen Blick des Abzockers. Als nachdenklich, verstört, ratlos zeigt Frank Busse sehr eindringlich den Bewohner Nübel zwischen Demenz und Momenten der Klarsicht auf die eigene, ausweglose Lage.

Eher Lebenskünstlerinnen auf der Suche nach kleinen Fluchten als kühle Killerinnen sind die Pflegerinnen Berta (Carmen Metje), Carla (Sara Langenbach) und Meggie (Vanessa Harbrecht). Allen dreien gelingen vor Lebendigkeit und Sehnsucht strotzende junge Frauen, gefangen zwischen Bettpfannen, Windelwechsel und der Monotonie des Sterbens, die Auswege suchen und finden in arrangierten Partys und Träumen von Ferne und Erfolg.

Und wenn Vanessa Harbrecht wunderschön und a cappella "Jill's Theme" aus "Spiel mir das Lied vom Tod" intoniert, klingt darin die Trauer über das verpasste eigene Leben mit. Denn eine Party, davon zeugen die bewusst billig-klischeehaften Requisiten einer Mottoparty zum Thema "Western", wird dort nicht mehr stattfinden. Und selbst die größten Cowboyhüte machen aus den imaginierten Töchtern King Kongs nichts anderes als was sie sind: nämlich Hochseiltänzerinnen zwischen Sehnsucht und Tod.

Quelle: NGZ
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