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Neuss
"Heimat ist für alle da"

Neuss: "Heimat ist für alle da"
Heute abend gastiert Hastenraths Will in Jüchen, die Veranstaltung ist ausverkauft. Weitere Termine des erfolgreichen Ortslandwirtes aus dem Selfkant gibt es unter www.hastenrathswill.de. FOTO: H. Joachim Emmerich
Neuss. Hastenraths Will ist in der Comedy-Szene des Niederrheins ein Star. Der Landwirt redet "frei Schnauze" und hat für uns auch so geschrieben. Denken Sie sich beim Lesen den rheinischen Akzent dazu, dann ist es fast ein Live-Erlebnis.

Als Lichtgestalt unter die Heimatexperten wurde ich von seitens der NGZ gefragt, ob ich nicht mal ein aufrüttelnder Essay schreiben könnte zum Thema "Heimat erleben". Nachdem man mir erklärt hatte, was "Essay" heißt, habe ich sofort begeistert zugesagt, denn als Landwirt gehört "Heimat" ja quasi zu meine Hauptkernkompetenzthemas.

Meine Heimat ist zwar der Selfkant, aber auch das Ballungsgebiet Kaarst, Grevenbroich, Rommerskirchen ist mir durchaus vertraut. Da ich neben unzählige andere ehrenamtliche Ämter auch der Tourismusbeauftragte von unsere Region bin, bin ich gelegentlich sogar im Rhein-Kreis-Neuss unterwegs. Ich betrachte das immer als eine Art Industriespionage, für neue Ideen aufzuschnappen, wie man auch unsere Heimat etwas attraktiver gestalten könnte.

Bei Sie im eher städtischen Bereich (ich zähle Neuss der Einfachheit halber mal zum Komplex 'Stadt' dazu), gibt es ja viel, wovon man bei uns auf dem Dorf nur träumen kann: Museums, Ampelanlagen, und hier und da sogar echte Fußgängerzonen mit verkaufsoffene Sonntage! So was würde bei uns gar nicht funktionieren - in erster Linie natürlich, weil wir gar keine Geschäfte haben.

Oder auch der hohe Freizeitverbringungswert, den Sie haben. Unsere katholischen Strickfrauen zum Beispiel fahren einmal im Monat in Neuss in diese Wellness-Sauna, weil es sowas bei uns leider nicht gibt. Dabei finde ich Sauna nicht verkehrt. Da kann man auch als Mann mal die Seele und alles andere baumeln lassen.

Aber auch wenn der Rhein-Kreis Neuss auf Leute wie mich wirkt wie das deutsche Las Vegas, liebe ich trotzdem meine eigene Heimat. Genau wie das wahrscheinlich jeder tut - vermutlich sogar Leute, die in Minkel-Lepp leben - man kann es sich ja auch nicht immer aussuchen, wo man reingeboren wird. Ich weiß, wovon ich rede, ich lebe ja, wie schon erwähnt, im Selfkant. Die Gegend wird jeder von Sie kennen, der sich auf der Weg zum Factory Outlet Roermond schon mal verfahren hat.

Wir sind wirklich nicht leicht zu finden. Unser Dorf muss man sich vorstellen wie Drölsholz - nur kleiner. Aber gerade, weil wir so eine kleine Gemeinschaft sind, ist der Zusammenhalt umso stärker. Auf Schützenfeste oder sonstige Feierlichkeiten helfen wir uns immer untereinander, zum Beispiel, wenn es Schlägereien mit Bewohner von andere Dörfer gibt.

Aber Heimat hat noch so viel mehr Fazetten. Für mich ist Heimat, wenn ich beim Metzger nach private Sachen ausgefragt werde und im Gegenzug dafür geheime Informationen über andere Dorfbewohner erhalte. Deshalb kommen wir auch so gut ohne stabiles Internet oder Handy-Netz klar. Die Informationen, die wir bei unser Metzger oder Bäcker kriegen, sind schneller als jede Glasfaser.

Heimat ist für mich aber auch der Moment, wenn ich von der Geschäftsreise zurückkehre - also von der Zuckerrübenfabrik in Jülich - und mein Heimatdorf schon aus der Ferne am Geruch erkenne.

Heimat ist für mich wilde, urwüchsige Natur. Der Ort, wo man seine Grünabfälle und Autobatterien hinbringt.

Ach, ich könnte diese Aufzählung endlos fortführen, aber ich glaube, Sie wissen längst, was ich meine. Ich warne aber trotzdem davor, sich in seine Heimat abzuschotten. Wir bei uns leben ja Grenze an Grenze mit Holland und das ist natürlich nicht schön. Aber selbst da kommt man sich hin und wieder näher, besonders nach Fußball-WMs und -EMs bei die beliebten Schlägereien am Grenzstein. Das wird aber dieses Jahr nicht so sein, weil die Holländer sich ja entschieden haben, nicht an der EM teilzunehmen. Und natürlich, weil ich finde, dass wir wieder toleranter werden müssen gegenüber fremde Menschen. Gerade in der heutigen Zeit halte ich das für wichtiger als je zuvor.

Für mal kurz ernst zu werden: Als alteingesessener Politiker und Nachkriegskind beobachte ich der Höhenflug von diese AfD-Partei nämlich mit große Sorge. Das kommt mir alles viel zu bekannt vor.

Deshalb mein Fatzit: Ich finde es sehr wichtig, dass man der Begriff 'Heimat' nicht falsch interpretiert. Heimat ist für alle Menschen wichtig und sollte niemals am eigenen Horizont aufhören. Euer Hastenraths Will

Gastautor Hastenraths Will ist erfolgreicher Landwirt und Ortsvorsteher eines kleinen Dorfes im Selfkant. Er ist seit fast 30 Jahren verheiratet mit Marlene Hastenrath, geborene Prummefla. Er hat eine Tochter, Sabine, und zwei Enkelkinder, Kevin-Marcel und Justin-Dustin.

Hier geht es zum Youtube-Kanal von Hastenraths Will. Dort finden sich zahlreiche Videos von seinen Auftritten.

Quelle: NGZ
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