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Neuss
Herrscher über die Toten

Neuss. Der englische Regisseur Dan Jemmett zeigte im Globe mit "Measure für Measure" die erste Auftragsinszenierung des Festivals. Von Helga Bittner

Am Ende ist die Whiskyflasche leer. Das Spiel gespielt, alle Beteiligten haben ihren Zweck erfüllt, der Zampano ist zufrieden und reiht sich ein. Quetscht sich förmlich zwischen die Toten, die wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf Bank und Stuhl hängen, und verfällt in Starre. "Measure for Measure" (Maß für Maß), jene Komödie von Shakespeare, die gerne auch als Problemstück bezeichnet wird, weil sie irgendwo zwischen Komödie und Tragödie liegt, in der Inszenierung von Dan Jemmett ist eine Auftragsarbeit des Shakespeare-Festivals. Die erste überhaupt und vom Land NRW finanziell unterstützt. Aber deswegen noch lange kein Höhepunkt.

Vielleicht liegt es an der hohen Erwartung, die Jemmett mit anderen Produktionen beim Globe-Festival geschürt hat. Aber sein "Measure for Measure" kommt an "Les trois Richard" (Richard III., 2012) und vor allem an die "Comédie des Erreurs (Komödie der Irrungen", 2011) bei weitem nicht heran. Waren es bei letztgenanntem Stück noch Dixiklos, die die Bühne beherrschten, sind es jetzt hochkant stehende Särge. Denn Jemmetts Reich des Herzogs Vincentio ist ein Beerdigungsinstitut. Könnte wegen des roten Vorhangs auch ein Theater ein, aber ein schäbiges. So oder so führt sich der Besitzer auf wie ein Prospero der Toten. Klappt Särge auf und zu, trinkt, blättert in Pornoheften und einem Buch von Shakespeare, entscheidet sich, "Measure for Measure" mit den Toten zu spielen. Warum? Vermutlich, um sich die Zeit zu vertreiben. Denn dieses Etablissement dürfte schon lange kein Lebender mehr betreten haben. Oder lieber so: In diese Höhle der Verderbtheit hat sich kein Lebender mehr hineingetraut.

Wie ein Puppenspieler dirigiert Bob Goodys Vincentio die Toten, verwandelt sie in Isabella (Seonaid Goody), Claudio, Provost, Mariana (Charlotte Palmer), Angelo und Lucio (Jonathan Storey). Er selbst übernimmt natürlich die Rolle des Chefs, der die Geschäfte seines Amtes an den strengen Antonio übergibt. Dieser Wächter über Sitte und Moral stolpert über dieselben, als er von der Nonne Isabella eine Liebesnacht verlangt, bevor er bereit ist, ihren zu Tode verurteilten Bruder Claudio zu retten. Der wiederum soll hingerichtet werden, weil er seine Verlobte vor der Eheschließung geschwängert hat. All das beobachtet (wie auch im Original) Vincentio, der sich als Geistlicher verkleidet - bei Jemmett reicht dafür schon ein Don-Camillo-Hut.

"Maß für Maß" gilt als ein Lehrstück für die Verführungen der Macht, für Doppelmoral und Egoismus. Auch der Herzog ist nicht ohne, überlässt er doch die Drecksarbeit anderen, geriert sich lieber als Gutmensch, der zum Schluss alles richtet. In den 100 Minuten, die Jemmett aus dem Stück für seine vor kurzem gegründete Company "Eat a Crocodile" destilliert hat, ist davon aber kaum etwas zu spüren. Er setzt zu sehr auf Äußerlichkeiten, um die Typen festzulegen, und auf Gags, will das Geschehen mit Macht ins Absurde katapultieren. Antonio trägt strengen Scheitel und Anzug, Nonne Isabella kräht hysterisch, und Vincentio brummelt sich ununterbrochen was in seinen Bart. Zwischendurch erklingen Songs von Elvis Presley - und geht der Klöppel vom Glöckchen ab, mit dem Vincentio die Toten zum Leben erweckt. Wenn das eingebaut war, ist die Irritation an diesem Punkt gut gelungen. Wenn nicht, sollte Jemmett das tun.

Die Inszenierung vertrödelt die Zeit mit zu viel Slapstick. Beim ersten Mal amüsiert es noch, wenn Vincentio den falschen Sarg öffnet, das Spiel ins Stocken gerät, beim dritten Mal nicht mehr. Vieles ist vorhersehbar - etwa, wenn der Alte mit einem Pornoheft im Sarg verschwindet, die Klappe sich scheinbar plötzlich öffnet und er mit runtergelassenen Hosen dasteht.

Und der Schluss? Nun, ganz einfach. Das Spiel ist aus.

Quelle: NGZ
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