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Stadtgeschichten (62)
Hilfe aus Neuss für Menschen in Afrika
Stadtgeschichten (62): Hilfe aus Neuss für Menschen in Afrika
Anke Faustmann ging nach Ghana. Ein Punkt dort: Frauen das Schwimmen beibringen. Heute betreibt sie ein eigenes Projekt mit einem eigenen Verein. FOTO: ON
Neuss. Der Verein "Miteinander für Uganda" konnte in zehn Jahren 170 Patenschaften vermitteln. Aber die Hilfe für Afrika kennt noch mehr Akteure. Von Christoph Kleinau

Monica war noch keine zehn Jahre alt – und hatte ihr Leben eigentlich schon hinter sich. Eine AIDS-Waise, selbst mit dem HIV-Erreger infiziert, verwahrlost und krank, hatte das Mädchen in all seinem Leid aber das Glück, in ihrem Heimatort Mutolere in Uganda Marliese Arns zu begegnen, der Vorsitzenden des Vereins "Miteinander für Uganda". Die sorgte für eine medizinische Versorgung und vermittelte dem Mädchen mit Petra Blume aus Soest eine Patin, die für Essen, Kleidung und Schulgeld aufkommt. Das war vor fünf Jahren. Und was damals auch die Norferin Arns nicht absehen konnte, trat ein: Das Schicksal des Mädchens nahm eine grundlegende Wendung, wurde zur Erfolgsgeschichte. "Wenn man sie heute sieht, glaubt man nicht, dass es das gleiche Kind ist", sagt Arns.

Arns macht seit zehn Jahren im Kleinen, was das katholische Hilfswerk Missio im Großen versucht: Sie engagiert sich für bessere Lebensverhältnisse in Afrika, dem schwarzen, dem oft vergessenen Kontinent. Die katholische Kirche richtet am morgigen Afrikatag wieder den Blick auf diesen Erdteil und sammelt in der Kollekte für Missio-Projekte in Afrika. Und auch wenn Marliese Arns morgen zum Neujahrsempfang in ihre psychologische Beratungspraxis an der Burgstraße in Norf einlädt, wird Afrika präsent sein. Dafür sorgen nicht zuletzt die Bilder der inzwischen 170 Patenkinder, die ihr kleiner Verein in zehn Jahren vermitteln konnte.

"Miteinander für Uganda" ist nur eine von vielen Initiativen, die ein großes Interesse der Neusser an den Menschen in Afrika und eine entsprechende Hilfsbereitschaft zum Ausdruck bringt. Karlheinz Böhms Stiftung "Menschen für Menschen", die in Äthiopien aktiv ist, wird in Neuss von einem eigenen Arbeitskreis und Aktionen wie "Spitzenköche für Afrika" unterstützt. Die Reuschenberger Elisabeth-Gemeinde förderte zuletzt Brunnenbauprojekte des Hilfswerkes Misereor in Nigeria, während die Nordstadtpfarrei Christ-König schon seit Jahrzehnten die Arbeit des Spiritaner-Paters Peter Marzinkowski aus Neuss, dem Bischof von Alindao, in der Zentralafrikanischen Republik mitträgt. Der Pfadfinderstamm "Malteser" der Dreikönigenpfarre ging auf eine dreiwöchige Projektfahrt nach Südafrika, dem Land, wo der Rotary Club Neuss drei schwarzen Township-Mädchen mit einem Stipendium zu einem guten Schulabschluss verhelfen will. Die Realschule Holzheim wiederum schafft nicht zuletzt mit Aktionen wie "Ein Tag für Afrika" ein Bewusstsein für die Probleme in den Ländern des Südens. Diese Reihe ließe sich fortsetzen.

Oft sind es einzelne Menschen, die den Anstoß für solche Projekte geben und diese über Jahre tragen. Menschen wie Josefine Freibeuter, die in Norf den Verein Menschenbrücke initiierte, nachdem der ugandische Pfarrer Musoke Genza 2007 in der Andreas-Gemeinde Urlaubsvertretung machte und von der Not in seiner Heimat berichtete. Menschen wie Hildegard Rathmacher, die sich seit 1980 für ein Kinderkrankenhaus in Kinshasa einsetzt, der Hauptstadt der Republik Kongo. Oder wie Anke Fausten, die für drei Monate nach Ghana gehen wollte, um dort in einem Schulprojekt in der Hauptstadt Accra mitzuarbeiten – und vor Ort kurzentschlossen einen eigenen Verein zur Rettung des Projektes gründen musste, das sie seitdem unter dem Namen "Liberated Woman Empowerment Project" selber trägt.

All dies sind Beispiel für Initiativen, die unmittelbar wirken – und das wollte Marliese Arns auch erreichen: "Das gab es schon mal, dass Weiße kamen und schlau waren. Das will ich nicht", sagt sie und umreißt damit einen Kern ihrer Arbeit: "Wir denken uns keine Projekte von Deutschland aus aus, sondern fragen die Menschen vor Ort, was notwendig ist."

Vor zehn Jahren kam die Norferin zum ersten Mal nach Uganda, weil im südwestlichsten Zipfel des Landes, der Region Kisoro, eine Freundin als Lehrerin arbeitete. Arns sah Kinder, "die ohne uns keine Zukunft hätten" – und handelte entschlossen. Der Verein "Miteinander für Uganda" entstand, der über Ausbildungspatenschaften Kindern eine Schul- und inzwischen auch Berufsausbildung ermöglicht. Parallel dazu unterstützt der Verein in diesem Dreiländereck zwischen Ruanda, Kongo und Uganda Projekte zum Ausbau einer sozialen Infrastruktur. Ein Kinderkrankenhaus wurde errichtet, das gerade um eine Entbindungsstation ergänzt wird. Ein Ausbildungszentrum entstand, wo junge Menschen ein Handwerk erlernen können, wo ihnen aber auch hauswirtschaftliche Fertigkeiten vermittelt werden. Und nicht zuletzt wurde ein Computerlabor eingerichtet, das der schulischen wie der beruflichen Weiterbildung neue Möglichkeiten eröffnet hat.

Uganda ist für Arns "ein typisch afrikanisches Land". Ein Land, dessen Potential in der Natur liegt und auf einen, so Arns, "hoffentlich umweltverträglichen Tourismus" hoffen lässt. Ein grünes Land, dessen Menschen zwar keinen Hunger leiden, deren Wirtschaftsweise aber vielfach noch keine Überschüsse erzielt, mit denen Handel betrieben und so Kapital aufgebaut werden könnte. "Wir planen mit Engländern deshalb ein Projekt zum permanent gardening", sagt sie. Typisch afrikanisch ist für sie aber auch, dass Ugandas Bevölkerung in einem hohen Maße HIV-durchseucht ist. "Die Elterngeneration fehlt fast vollständig", sagt Arns, die von gut 1000 Aids-Waisen alleine in Mutolere spricht. Kindern wie Monica, die in Soest eine Patin fand.

Die Erzieherin Petra Blume, die in dieser westfälischen Stadt eine private Kindertageseinrichtung betreibt, ist ein Beispiel dafür, wie eine klein gestartete Privatinitiative Kreise ziehen kann. Sie konnte auch in der Elternschaft ihrer Kita "Kinderhaus" für das Ugandaprojekt Unterstützung finden, so dass die Elternschaft ihrerseits zwei Patenschaften übernahm. Die Bilder dieser Kinder hängen im Gruppenraum der Kita, Briefe und Berichte aus Uganda, die Marliese Arns von ihren Reisen mitbringt, helfen, dass der Kontakt zwischen den deutschen Kindern und den Kindern in Uganda nicht abreißt. "Ich finde es wichtig, dass Kindern schon früh vermittelt wird, wie es Kindern in anderen Ländern der Erde geht. Dass die eben nicht einfach an den Kühlschrank gehen können, wenn ihnen danach ist", erklärt Blume das Engagement.

Im Februar, wenn in Uganda das neue Schuljahr beginnt, wird Marliese Arns wieder ihre Koffer packen und nach Uganda reisen. Dann bekommen die Patenkinder schon traditionell all das, was man in der Schule braucht, von der Schuluniform bis zu einem Stück Seife für die tägliche Wäsche. Bis 2007 reiste Arns zweimal im Jahr alleine, inzwischen wird sie von Vereinsmitgliedern begleitet. Jüngeren, wie sie betont, denn der Verein soll auch dann fortbestehen, wenn die Gründerin ausscheidet. "Einfach zu schließen und die Kinder zurück auf die Straße zu schicken – undenkbar."

Quelle: NGZ
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