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Analyse
Homo politicus mit mehr als nur einer Wahrheit

Analyse: Homo politicus mit mehr als nur einer Wahrheit
Neuss. Dienstag endet die Amtszeit von Bürgermeister Herbert Napp. Diese 17 Jahre sind gespickt mit vielen Tops und manchen Flops. Aber eins kann niemand bestreiten: Dieser Rathaus-Chef polarisierte nicht nur, sondern er war auch immer entschieden. Der Versuch einer Einordnung. Von Ludger Baten

Schluss mit Napp. Ab Mittwoch ist er Altbürgermeister. Mehr als 17 Jahre war er Erster Bürger der Stadt Neuss. Rekord. Keiner seiner Vorgänger seit Kriegsende war länger im Amt. Rein quantitativ gehört ihm der Superlativ, aber führt er auch qualitativ die Liste der Neusser (Ober-)Bürgermeister an?

"Natürlich" intoniert sein Fanklub, der ihn bereits beim CDU-Nominierungsparteitag 2004 mit der Tina Turner-Hymne "Simply the best!" feierte. "Um Gottes Willen" ruft der Kritikerchor, der ihm als bekennenden Raucher jede Vorbildfunktion abspricht und ihn als "Vesuv von Neuss" verspottet.

Die Wahrheit, so werden die Unentschiedenen sagen, liege irgendwo in der Mitte. Falsch, denn Unentschiedenheit ist ihm nun wirklich zuwider. Ein Herbert Napp polarisiert, weil er entschieden ist. Mal liegt er richtig, mal liegt er falsch, mal gewinnt er, mal verliert er. Vor allem gewinnt er aber öfter, als er verliert. Fazit: Herbert Napp ist viel zu sehr Homo politicus, zu facettenreich, vielleicht auch zu gut für nur eine Wahrheit.

Seine Großtaten werden gerühmt: solide Finanzen, autofreier Markt, einspurige Straßenbahn, mit aktuell 66.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten so viele Arbeitsplätze wie noch nie. Strophe zwei des Lobliedes besingt den großen Baumeister: Metamorphose des Horten-Kaufhauses zum Schauspiel- und Kreishaus, UCI-Großkino, Skihalle, Kopfgebäude, Jobcenter, Pierburg-Werk und Höffner-Möbelhaus.

Doch Herbert Napp war nicht nur der Architekt von Unternehmensansiedlungen und Wohnquartieren wie Allerheiligen, Südliche Furth und Meertal, er war auch der Architekt, der die Stadtverwaltung von einer Behörde zum "Konzern Stadt" umbaute. Am Ende der Ära Napp arbeiten lediglich noch 1800 der insgesamt 4500 Beschäftigten in der Kernverwaltung; alle anderen in den städtischen Tochterunternehmen. Stadtwerke und Bauverein sind wirtschaftlich erfolgreich, der Neuss Düsseldorfer Hafen, dessen Fusion Napp und sein damaliger Düsseldorfer Amtskollege Joachim Erwin forcierten, schreibt eine Erfolgsgeschichte. Die städtischen Kliniken - Lukaskrankenhaus - vor 25 Jahren noch im Imagetief, sind heute medizinisch eine erste Adresse und nach der Integration des Pflegeheims Herz Jesu sowie der kommunalen Kindergärten längst auf dem Weg, zum Sozialkonzern der Stadt Neuss aufzusteigen.

In der Nachschau, Historiker werden es letztlich bewerten müssen, bleibt die Gestaltung des "Konzern Stadt" Napps größte Bürgermeister-Tat, weil er über neue privatwirtschaftliche Strukturen kommunale Aufgaben direkter, effektiver, kostengünstiger steuert. Seinen Einfluss sichert der Bürgermeister als Vorsitzender des Aufsichtsrates bei den Stadtwerken und beim Bauverein, während die Gestaltungsmöglichkeit des Stadtrates sinkt. Die Folge sind hocheffiziente, wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen, die aber im wahrsten Sinne des Wortes ein fröhliches Eigenleben führen. Merke: Wer Entscheidungsprozesse und Handlungsebenen im Rathaus verändert, muss auch die politischen und personellen (Aufsichts-) Strukturen entsprechend anpassen. Langsam dämmert's der Politik und sie bessert nach. Der neue Beteiligungsausschuss ist ein Beleg dafür.

Herbert Napp kennt das Geschäft - als Bürgermeister und als Ratsherr. Nur als Bürgermeister hat er kein Interesse, Gestaltungsspielraum und Kontrolle des Rates zu vergrößern. Seit 1975 sitzt er im Rat. Fünf Jahre (1993 bis 1998) war er Fraktionschef, verlor keine Abstimmung. Die CDU-Fraktion, der er in einer Mischung aus Führungsstärke und Kameradschaft stolz machte, wurde zu seinem großen Rückhalt. Als Vorsitzender schützte er "meine Leute", vor allem die Braven und Schwachen, vor Angriffen des politischen Gegners und verdiente sich so deren Loyalität. Das mag Kalkül gewesen sein, aber nicht nur. Wer genau hinschaut sieht, dass Napp bis heute letztlich für "meine Leute" auch keinen Streit scheut.

Seine Skandale, die echten und die vermeintlichen, werden genüsslich in der Stadt kolportiert: überbautes Grundstück für die Kreisstraße K 8n zur Skihalle, "gefundener" Grundstücksfonds, der "Gier-Bürgermeister", der seine eigene Stadt verklagt, weil er seine Nebeneinkünfte nicht abführen will, der bekennende Raucher, der als "Vesuv von Neuss" die Grenze zur Peinlichkeit streift, der Treppensturz von München, der Flug zum Welttreffen der Sparkassen nach Kuala Lumpur, der Rathaus-Chef, der Aufträge ohne Vier-Augen-Prinzip an die Kanzlei vergab, in der seine Frau tätig ist. Ein Bürgermeister, der mittags am Kneipen-Stammtisch sitzt, Bier trinkt und Karten spielt.

Wer nun am Ende unter die 17 Bürgermeister-Jahre des Herbert Napp den Strich zieht, kann nur zu einem Ergebnis kommen: Die Leistungsbilanz stimmt, die Amtsführung war in Teilen fragwürdig. Wegen seiner Leistungen haben die Neusser ihn drei Mal mit deutlichen Mehrheiten im Amt bestätigt. Wahr ist aber auch, dass zuletzt immer mehr Neusser genug hatten vom "System Napp" - und Napp ist zu sehr Vollblutpolitiker, um das nicht zu spüren. Das ist ein Grund, warum er bereits frühzeitig entschied, im Oktober 2015 aufzuhören. Auch die Versuche engster Freunde, ihn für eine erneute Kandidatur zu gewinnen, perlten an ihm ab. Er wusste, dass seine Zeit endlich ist.

Dienstag geht die Ära Napp im Rathaus zu Ende, die am 4. Mai 1975 mit dem erstmaligen Einzug in den Stadtrat ihren bescheidenen Anfang nahm. Kein Politiker seiner Generation, der im Geist der "68er" groß wurde, hat die Neusser Politik so geprägt wie er. Dabei überrascht, dass der "rechte Napp" zum wichtigsten Vertreter der "linken 68er-Bewegung" in Neuss wurde und es blieb. Napp und seine Hausmacht, die "Jungen Wilden", machten ernst mit dem propagierten "Gang durch die Institutionen".

Seine Mitstreiter Siegfried Zellnig (Landtag), Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (Stadtdirektor) und Bertold Reinartz (Bürgermeister) waren längst oben angekommen, als im Februar 1992 erstmals auch der polarisierende Herbert Napp vollends aus der Deckung kam. Es wurde ein Nachfolger für Stadtdirektor Grosse-Brockhoff gesucht, der nach Düsseldorf wechselte. Napp warf öffentlich seinen Hut in den Ring. Zwar nahm er sich nach nur einer Woche aus dem Rennen, doch ab jenem Zeitpunkt war klar, es geht ihm um die Macht: Herbert Napp will auf den Chefsessel im Rathaus.

Doch seine Zeit war noch nicht gekommen. Bernhard Wimmer wurde Stadtdirektor. Herbert Napp wurde Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion und arbeitete daran, mehrheitsfähig zu werden. Der Plan ging auf. Als sich die zweite Chance bot, griff er entschlossen zu. Bernhard Wimmer folgte einem Ruf als Stadtdirektor in die Millionen-Metropole Köln, und Bürgermeister Bertold Reinartz machte den Weg für einen ersten hauptamtlichen Bürgermeister frei. Jetzt war der starke Vorsitzende der CDU-Mehrheitsfraktion erste Wahl - zumindest für die von ihm souverän geführte Fraktion. Die Partei blieb auf Distanz zu dem Anführer der "Jungen Wilden", der einem Pokerspieler gleich volles Risiko ging. Bei einem freiwillig eingeholten Mitgliedervotum bekam er gerade einmal 64,1 Prozent Zustimmung. Doch seine CDU-Fraktion stand. Sie wählte ihn am 13. Februar 1998 zum neuen Bürgermeister, der sechs Wochen später in sein Amt eingeführt wurde. Er war am Ziel seiner Träume. Er war der starke Mann der Stadt Neuss und sollte es mehr als 17 Jahre bleiben.

Doch Napp & Co. wollten nicht nur Macht, sie machten ihre CDU auch fit für die Zukunft: Grosse-Brockhoffs Kulturoffensive der Nischen, Zellnigs bezahlbare Wohnungsbaupolitik, Reinartz' Aussöhnung mit den jüdischen Neussern, die vor den NS-Schergen fliehen mussten, und letztlich Napps Umbau der Verwaltung zum effizienten "Konzern Stadt" halten Neuss in der Balance von Tradition und Moderne, nehmen viele Neubürger mit, die sich in dieser großstädtischen Überschaubarkeit wohlfühl(t)en.

"Weiter so" ist Herbert Napp zu langweilig. Er löst "heilsame Unruhe" aus, um aus ihr gesellschaftspolitische Prozesse in Gang zu setzen. Die Politik des Bürgermeisters Herbert Napp war niemals ein Zustand, sondern ist immer ein Prozess.

Dienstag nimmt er nebenbei noch einen (vorläufigen) Superlativ mit in den Ruhestand: Er geht als (bisher) letzter Bürgermeister der Stadt Neuss mit CDU-Parteibuch.

Quelle: NGZ
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