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Franziska Pigulla
"Ich bin Rheinländerin und liebe Rübenkraut"

Franziska Pigulla: "Ich bin Rheinländerin und liebe Rübenkraut"
Mag Schwarz-weiß-Fotografie: Franziska Pigulla wuchs in Neuss auf. FOTO: F. Pigulla
Neuss. Die deutsche Stimme von "Akte X"-Agentin Dana Scully hat in ihrer Geburtsstadt Neuss ihre frühe Kindheit verbracht.

Kürzlich wurde "Akte X", die Kultserie der 1990er Jahre, mit einer Mini-Staffel fortgesetzt . Wie war das "Wiedersehen" mit der Figur Dana Scully nach 14 Jahren Unterbrechung?

Franziska Pigulla Sie ist noch schöner geworden. Gillian Anderson ist eine grandiose Schauspielerin, und ich freue mich, wenn ich sie sprechen darf.

Wie haben Ihnen die neuen Folgen gefallen?

Pigulla Bei der Synchron-Arbeit habe ich nur das gesehen, was ich selbst gesprochen habe. Später im Fernsehen habe ich mir dann zwei oder drei Folgen angesehen. Die haben mir gut gefallen. Was mir allerdings gefehlt hat, war die Geschichte der Protagonisten in der Zwischenzeit. Es sind ja einige Jahre ins Land gegangen. Agentin Scully ist sicher in ihren Medizinerberuf zurückgekehrt. Aber was hat Agent Mulder gemacht? Darüber erfährt man nichts. Das war verschenkt.

Ist Ihnen etwas zu einer eventuell geplanten elften Staffel bekannt?

Pigulla Nein, darüber habe ich noch nichts gehört. Allerdings wurde ich auch über diese sechs Folgen erst im Spätherbst 2015 informiert, und im Januar begannen schon die Synchron-Arbeiten.

Agent Mulder, der von David Duchovny gespielt wird, hatte eine andere Synchronstimme. Wie ist es Ihnen damit ergangen?

Pigulla Bei der Arbeit habe ich das gar nicht mitbekommen, da wir getrennt aufnehmen. Ben Völz hat natürlich Maßstäbe gesetzt, ihn zu ersetzen ist schwierig. Ich finde, der neue Kollege macht seine Sache gut, aber das spielt leider keine Rolle. Vollkommen gleichgültig, wer die Figur nun spricht - es ist eben jemand anderes. Das gilt ganz grundsätzlich. Ich habe mal einen Film mit Sandra Bullock gesehen, in dem sie eine andere Synchronstimme hatte. Als sie das erste Mal den Mund aufmachte, ging ein Schreckensseufzer durch das Publikum im Kino. Eine fremde Stimme ist sehr irritierend. Grundsätzlich ist Deutschland Synchronweltmeister: Nirgendwo gibt man sich so viel Mühe, genau zu arbeiten. Aber es wird auch viel umbesetzt, und das verstehe ich nicht. Das ist ungut für den Zuschauer.

Sind Sie Gillian Anderson inzwischen einmal begegnet?

Pigulla Ja, als sie in London Theater gespielt hat. Das ist sicher schon zehn Jahre her. Sie war ganz bezaubernd, trat in "What the night is for", einem Zwei-Personen-Stück, im Westend auf. Sie ist auch auf der Bühne eine fantastische Schauspielerin. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Es gibt das Gerücht, dass sie von Ihrer Synchronisation so begeistert war, dass sie für kurze Zeit versucht hat, so wie Sie zu sprechen...

Pigulla Das ist kein Gerücht. Ein Fan hat mir den Mitschnitt eines BBC-Interviews zugeschickt, in dem sie sagt, dass ihr die deutsche Synchron-Fassung besonders gut gefallen hat. Diese Aufnahme liegt bei mir zu Hause im Tresor...

Sie synchronisieren viele bekannte Schauspielerinnen, welche besonders gern?

Pigulla Zu den Liebsten gehören für mich Gina Gershon und Lena Olin. Beide spielen oft schillernde, abgründige Figuren und haben auch im Original eine tiefe Stimme. Und ich mag sie auch als Frauentypen. Das ist nicht unwichtig, denn während der Arbeit schaue ich ihnen ja permanent ins Gesicht.

Sie sind in Neuss geboren. Wie kam das?

Pigulla Meine Eltern haben sich während eines Engagements am Rheinischen Landestheater kennengelernt, geheiratet und dann kam ich. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie meinen Vater anfangs gar nicht leiden konnte. Er galt wohl als Womanizer und hatte mit einer Freundin meiner Mutter angebändelt, weshalb meine Mutter sich um sie Sorgen machte.

Welche Erinnerungen haben Sie an Neuss?

Pigulla Das sind vor allem ganz frühe Kindheitserinnerungen an das Umfeld unserer Wohnung an der Peter-Loer-Straße und den Schulweg zur Burgunderschule. Der Aktionsradius eines Kindes ist ja verhältnismäßig klein. An die Innenstadt erinnere ich mich kaum. Als ich vor einigen Jahren nochmal in Neuss war, war ich ganz entgeistert, dass die Further Straße, die mir als Kind so riesig vorkam, gar nicht so groß ist - nach Berliner Maßstäben.

In Berlin leben Sie seit Ihrem zehnten Lebensjahr. Ist es da nicht "uncool", wenn im Personalausweis als Geburtsort "Neuss" steht?

Pigulla Überhaupt nicht. Ich habe da gar keine Berührungsängste, im Gegenteil. Wenn ich als Berlinerin bezeichnet werde, protestierte ich immer. Ich bin Rheinländerin - Punkt. Was keine Absage an Berlin sein soll.

Was ist denn "rheinisch" an Ihnen?

Pigulla Das ist eine Mentalitätsfrage. Ich glaube, ich habe den typisch rheinischen Humor und diese Einstellung "Leben und leben lassen". Und ich feiere gern. Beruflich habe ich öfter in Köln zu tun. Da habe ich jedes Mal das Gefühl, nach Hause zu kommen. Das kann man nicht erklären, das ist einfach ein Herzensgefühl.

Wie sieht es mit Vorlieben fürs rheinische Essen aus?

Pigulla Rübenkraut mag ich wahnsinnig gern. Da bin ich immer ganz glücklich, wenn ich das in Berlin irgendwo finde. Wie das hier heißt, weiß ich gar nicht.

Gibt es noch Kontakte nach Neuss?

Pigulla Nein. Vor ein paar Jahren war ich auf einem Klassentreffen, das sehr erfreulich war. Man nimmt sich dann immer vor, den Kontakt aufrecht zu erhalten, aber leider schläft er nach einiger Zeit doch wieder ein. Als ich gerade im Indien-Urlaub eine Düsseldorferin getroffen habe, ist mir beim Klang der rheinischen Sprache sofort das Herz aufgegangen.

Sie sind ausgebildete Schauspielerin. Was macht den Reiz der Synchronarbeit aus?

Pigulla Die Synchronkollegen haben fast alle eine Schauspielausbildung gemacht. Beim Synchronisieren geht es ja nicht nur darum, die Sprache zu treffen und den Rhythmus, sondern auch die Emotionalität. Das mit der Sprechertätigkeit hat sich bei mir so ergeben. Ich musste von etwas leben und habe schon während meiner Ausbildung Sprecherrollen angenommen.

Wo sollte es für Sie denn künstlerisch hingehen?

Pigulla Ursprünglich wollte ich ganz klassisch ans Theater, hatte auch Vorsprechen, aber da wurde immer ein anderer Typ gesucht. Als Sprecherin hatte ich bald viel zu tun. Mir macht die Arbeit Spaß. Und ich weiß ja von meinen Eltern, die beide Theaterschauspieler waren, um die schwierigen Seiten dieses Berufs. Da genügt Begabung allein nicht, man braucht vor allem Glück.

Wie ist im Vergleich dazu die Tätigkeit als TV-Moderatorin?

Pigulla Wenn irgend möglich, habe ich als Nachrichten-Sprecherin meine Texte selbst geschrieben. Der Hauptunterschied ist, dass bei Nachrichten Emotionalität nicht gefragt ist, sondern es nur um sachliche Inhalte geht. Aber in der Schauspielausbildung lernt man, Texte sinnvoll so zu strukturieren, dass der Zuschauer versteht, was gemeint ist. Als Moderatorin hat man wiederum mehr Freiheiten.

Sie waren als Sprecherin an mehreren CDs des Musikprojekts "Schiller" beteiligt. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Pigulla Auf dem Höhepunkt von "Akte X" kam Christopher von Deylen auf Oliver Rohrbeck, Ben Völz und mich zu. Wir haben dann bei drei CDs mitgewirkt, das hat viel Freude gemacht. Vom Erfolg waren wir total überrascht. Ich hatte zunächst gar nicht mitbekommen, dass wir in den Charts waren. Es wäre schön, so etwas mal wieder zu machen. Aber derzeit ist nichts Konkretes in Planung.

SUSANNE NIEMÖHLMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
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