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Jürgen Steinmetz
"IHK bleibt Vorreiter für die Metropolregion"

Neuss. Ein Jahr als Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein: Jürgen Steinmetz, vor dem Wechsel zur Kammer Ständiger Vertreter von Landrat Hans-Jürgen Petrauschke im Rhein-Kreis, zieht Bilanz. Ein Schwerpunkt ist geblieben: die Gründung der Metropolregion Rheinland.

Herr Steinmetz, ein Jahr nach dem Wechsel von der öffentlichen Verwaltung in die Wirtschaft: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Jürgen Steinmetz Ich kann voller Überzeugung sagen: ,IHK ist gut und macht große Freude'. Meine Erwartungen haben sich zu mehr als 100 Prozent erfüllt.

Was haben Sie in Ihrem ersten Jahr als IHK-Hauptgeschäftsführer erreicht?

Steinmetz Zunächst konnten wir eine Reihe von Projekten abschließen, die bei meinem Amtsantritt bereits liefen und bestens vorbereitet waren. Ein Beispiel ist das neue Prüfungs- und Weiterbildungszentrum der IHK in Krefeld, von dem der gesamte IHK-Bezirk profitiert. Wir investieren in die beste Bildung und Ausbildung. Dafür stehen pro Jahr 400 Seminare mit 4000 Teilnehmern.

Welche neuen Akzente konnten Sie im ersten Jahr bei der IHK setzen?

Steinmetz Mehr Akzeptanz für die Anliegen der Wirtschaft schaffen, dafür haben wir unter anderem eine Reihe neuer Initiativen gestartet, zum Beispiel das "Berliner Bündnis für den Niederrhein", an dem sich alle Bundestagsabgeordneten aus dem Kammerbezirk beteiligen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern auch eine Anerkennung unserer Arbeit. Und: Das zahlt sich aus, etwa wenn es darum geht, die Interessen des Niederrheins bei Projekten wie der Neufassung des Bundesverkehrswegeplans zu wahren.

Und: Sind Sie zufrieden?

Steinmetz Ja, es bleibt aber noch viel zu tun. Der Bundesverkehrswegeplan zum Beispiel stellt zwar so viel Geld wie nie für den Ausbau der Infrastruktur in NRW zur Verfügung. Dennoch: Konkret mit Blick auf unsere Region gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Der Umfang und die Bedeutung des Gütertransports von den Seehäfen in den Niederlanden und Belgien zu uns ins Hinterland wird deutlich unterschätzt.

Was hat das "normale" IHK-Mitglied vom neuen Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz?

Steinmetz Die Nähe zu unseren Mitgliedern, ganz gleich ob als Vertreter eines Kleinbetriebs oder eines Großunternehmens, ist mir wichtig. Die IHK muss, auch oder gerade wegen der Pflicht zur Mitgliedschaft, deutlich machen, dass ihre Mitglieder von ihrer Arbeit neben der Interessenvertretung und den hoheitlichen Aufgaben einen unmittelbaren Nutzen haben.

Das betrifft welche Bereiche?

Steinmetz Jedes IHK-Mitglied muss die Möglichkeit haben, sich bei der IHK jederzeit, schnell und unbürokratisch Rat und Hilfe einzuholen. Wir haben eine Digitalisierungsstrategie entwickelt, um unsere Dienstleistungen noch transparenter und einfacher nutzbar zu machen. Dazu zählt auch eine stärkere Digitalisierung unserer Prozesse und verstärktes Engagement in den Sozialen Medien.

Mit welchen Fragen oder Problemen wenden sich die Mitglieder an die IHK?

Steinmetz Mit vielen Fragen zum Thema Ausbildung und Zollformalitäten, aber auch mit Rechtsfragen. Hinzu kommen ganz praktische Hilfestellungen wie Tipps zur Gestaltung von Internetseiten oder die Beratung von Existenzgründern.

In welchen Bereichen ist die IHK derzeit besonders engagiert, wenn es um die Einflussnahme auf politische Prozesse geht?

Steinmetz Die Entwicklung der Infrastruktur, konkret des neuen Regionalplans ist ein Beispiel dafür, aber auch die Entwicklung der Metropolregion Rheinland. Dieses Thema haben die Industrie- und Handelskammern - auch mit dem Engagement der IHK-Präsidenten Wilhelm Werhahn und Heinz Schmidt vom Niederrhein - auf die politische Agenda gesetzt. Und wir treiben den Prozess weiter: Als erste im Rheinland hat unsere Vollversammlung den Beitrittsbeschluss zur Metropolregion gefasst. Wir hoffen, dass jetzt viele folgen und die Metropolregion schnell an den Start kommt...

...um was zu tun?

Steinmetz Um sicherzustellen, dass das Rheinland in einer globalisierten Welt und im Wettbewerb mit anderen großen Wirtschaftsregionen sichtbar und handlungsfähig bleibt. Das wird nur gelingen, wenn wir unsere Standortvorteile bündeln und gemeinsam zum Nutzen aller Mitglieder der Metropolregion ausspielen.

Mit dem Flüchtlingsthema hat sich im ersten Jahr als Hauptgeschäftsführer auch ein unerwarteter Arbeitsschwerpunkt ergeben. Was kann die IHK bewegen?

Steinmetz Wir helfen bei der Integration durch die Vermittlung in Arbeit und Ausbildung. Dazu gehört die Beratung von Arbeitgebern, die Zusammenarbeit mit Arbeitsagenturen, Jobcentern, Kommunen und anderen Institutionen.

Wie wird Integration gelingen?

Steinmetz Wenn wir uns Zeit nehmen. Für eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt brauchen wir fünf bis zehn Jahre. Warum? Weil wir die Menschen meist erst qualifizieren müssen. Das gelingt am besten, wenn wir Sprache fördern und duale Berufsausbildungen anbieten. Nur wenn wir Flüchtlinge in qualifizierte Jobs bringen, werden sie selbstständig leben können. Gleichzeitig können auch nur qualifizierte Menschen dazu beitragen, die drohenden Probleme aufgrund des Fachkräftemangels und des demografischen Wandels zu lösen.

Gibt es Themen, die sich nach einem Jahr als zäher und komplizierter herausgestellt haben als vor einem Jahr gedacht?

Steinmetz Der Ausbau des Breitbandnetzes für schnelles Internet erweist sich als Riesen-Aufgabe. Es hat mich überrascht, wie schwierig es ist, überhaupt erst einmal Transparenz zu schaffen und zu analysieren, wie die Versorgungssituation ist. Angesichts der Bedeutung des Themas für die Zukunftsfähigkeit unserer gesamten Wirtschaft hätte ich auch von Land, Bund und Kommunen mehr Ehrgeiz vor allem beim Ausbau der Netze im ländlichen Raum erwartet.

Welche Meinung hat die IHK zum Bau des umstrittenen Stromkonverters von Amprion im Rhein-Kreis?

Steinmetz Die IHK entscheidet nicht mit, wenn es um die Standortauswahl geht. Wenn es jedoch so sein sollte, dass der Konverter nötig ist, um die Energieversorgung in Deutschland - damit auch für die energieintensive Industrie im Rhein-Kreis - zu sichern, dann muss er irgendwo gebaut werden.

Ist der Rhein-Kreis, der sich lange als "Energiekreis" definiert hat, auf den mit dem absehbaren Aus für die Braunkohle drohenden Strukturwandel ausreichend vorbereitet?

Steinmetz Bei diesem Thema möchte ich vor allem mit einem Vorurteil aufräumen: Ein Bekenntnis zur Braunkohle, das auch ich gern ablege, und der Wille, den Strukturwandel zu gestalten, sind kein Widerspruch. Die IHK arbeitet etwa mit in der Innovationsregion Rheinisches Revier, um neue Nutzungen für die Braunkohle zu fördern und neue Wirtschaftszweige im Revier anzusiedeln.

Mit Erfolg?

Steinmetz Durchaus! Auch im Zusammenspiel mit den betroffenen Kommunen bemühen wir uns, Voraussetzungen für Neuansiedlungen zu schaffen, damit es im Revier nicht zu Strukturbrüchen kommt. Das läuft. Es schließt aber nicht aus, die Braunkohle weiter nach Plan zu nutzen und die entsprechenden Unternehmen und Arbeitsplätze möglichst lange zu erhalten - schon um ausreichend Zeit zu gewinnen, damit der Strukturwandel auch wirklich gelingt. Ein übereilter Ausstieg aus der Braunkohlenverstromung würde das aufs Spiel setzen.

FRANK KIRSCHSTEIN FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
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