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Stefan Hahn und Markus Hübner
Immer mehr Familien in der Krise

Stefan Hahn und Markus Hübner: Immer mehr Familien in der Krise
Jugendamtsleiter Markus Hübner und der städtische Beigeordnete Stefan Hahn haben bei betreuten Familien häufig über Generationen hinweg mit Defiziten in der Erziehung zu tun. . FOTO: Woitschützke
Neuss. In einer Serie beleuchtet die NGZ die Facetten der Erziehungshilfen. Zum Auftakt äußern sich der städtische Beigeordnete und der Jugendamtsleiter zu finanziellen Hilfen, Erziehung, gesellschaftlichen Schichten und einem Teufelskreis Von Bärbel Broer

Neuss Rund 19,7 Millionen Euro musste die Stadt Neuss 2014 für "Hilfen zur Erziehung" (HzE) ausgeben - 4,3 Millionen Euro mehr als ursprünglich eingeplant waren. Für dieses Jahr rechnet das Jugendamt mit weiter steigenden Ausgaben. Denn die Zahl der Familien wächst, in denen soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Probleme zu massiven Erziehungsschwierigkeiten führen. Stefan Hahn, Beigeordneter der Stadt Neuss unter anderem für den Bereich Soziales, und Jugendamtsleiter Markus Hübner erklären, warum es immer mehr Erziehungsnotfälle gibt und was die Stadt Neuss dagegen unternimmt. Das Interview ist Auftakt einer NGZ-Serie zu den unterschiedlichen Facetten der Erziehungshilfen.

Der Titel "Hilfen zur Erziehung" ist ja etwas sperrig. Was verbirgt sich dahinter?

Stefan Hahn Die Bandbreite der Leistungen, die das Jugendamt zu erbringen hat, ist immens. Das reicht von niederschwelligen Beratungsangeboten über ambulante Hilfe bis hin zur akuten Soforthilfe mit Inobhutnahmen und Heimunterbringungen. Denn laut Sozialgesetzbuch hat jeder Sorgeberechtigte von Kindern oder Jugendlichen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung. Markus Hübner Das Jugendamt ist verpflichtet, das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie sich zu eigenverantwortlichen gemeinschaftsfähigen Menschen entwickeln.

Um diesem Gesetzesauftrag nachzukommen, muss die Stadt Neuss rund 19,7 Millionen Euro aufbringen. Das entspricht einem Anstieg von über 17 Prozent gegenüber 2013. Was sind die Gründe für diesen Anstieg?

Hahn Das Wegbrechen stabiler Familien- und Sozialstrukturen ist wesentliche Ursache dafür. Die Faktoren sind vielfältig: Arbeitslosigkeit der Eltern und Jugendlichen, mangelnde Schulabschlüsse, Werteverlust, psychische Erkrankungen von Elternteilen sowie familiäre Krisen.

Haben Eltern verlernt, zu erziehen?

Hübner Ihre etwas provokative Frage zeigt genau die Tücke des Systems auf. Wenn in Familien etwas nicht funktioniert, schauen alle auf das Jugendamt - nach dem Motto: Wieso lösen die solche Probleme nicht? Dabei sollten wir die gesamtgesellschaftliche Entwicklung betrachten: Wir haben abnehmende Kinderzahlen und dadurch auch weniger Beispiele "guter Erziehung". Familienstrukturen bröckeln, der Anteil der Alleinerziehenden wächst, das finanzielle Absicherungsrisiko wird immer größer. Trotz höherer Beschäftigtenzahl steigt die Armutsquote. Und der Anteil der Menschen, die fähig sind, Elternverantwortung zu übernehmen und positive Lebensbedingungen zu schaffen, sinkt.

Betrifft diese Entwicklung alle gesellschaftlichen Schichten?

Hahn Das Phänomen der Überforderungstendenzen taucht in allen gesellschaftlichen Schichten auf. Den Schwerpunkt bilden aber die sozialschwachen und bildungsfernen Familien, denn hier ist der höchste Anteil instabiler Strukturen.

Ist dies bereits eine Entwicklung über Generationen hinweg?

Hahn Eindeutig. Wir betreuen in manchen Familien schon die Enkelgeneration. Bei manchen jungen oder gar minderjährigen Alleinerziehenden ohne Schul- oder Berufsausbildung mit kleinen Kindern haben wir bereits deren Großmütter mit Erziehungshilfen unterstützt. Hübner Derartige Fälle sind besonders schwierig für uns, da wir diese Großeltern oftmals nicht für geeignet halten, die Kinderbetreuung zu übernehmen, während die junge Mutter eine Berufsausbildung absolviert.

Gibt es überhaupt Chancen, diesen Teufelskreis jemals zu durchbrechen?

Hübner Es gibt beispielsweise eine wirklich sehr vielversprechende Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Während junge Mütter für das Berufsleben vom Jobcenter geschult werden, ermöglichen wir wiederum im Rahmen einer städtischen Großtagespflegestelle, dass die Kinder von Tageseltern betreut werden.

In welchen Bereichen verzeichnen Sie den höchsten Anstieg?

Hübner Bei den ambulanten Hilfen. In den vergangenen zwei Jahren hatten wir allein im Jugendamt eine Steigerung von 40 Prozent des Beratungsbedarfs. Hahn Das hat auch damit zu tun, dass unser Netz dichter geworden ist. Schulen, Nachbarn, Kindergärten, Polizei oder Kinderärzte informieren uns viel eher, wenn sie das Kindeswohl gefährdet sehen. Hübner Da schlagen natürlich zwei Herzen in meiner Brust: Auf der einen Seite finde ich es toll, dass die Menschen aufmerksamer sind und wir als Jugendamt eventuell eher helfen können. Andererseits führt dies auch zu mehr Personalbedarf und Ausgabensteigerung.

Werden diese Ausgaben weiter steigen?

Hahn Wir reden oft über die finanzielle Belastung der Kommunen. Das viel Dramatischere ist aber, dass es in so vielen Familien Defizite gibt - eine besorgniserregende Entwicklung. Zu Ihrer Frage: Die Jugendhilfeausgaben werden auch in Zukunft nicht sinken, eher im Gegenteil.

Quelle: NGZ
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