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Neuss
Immer mehr Gewalt und weniger Respekt

Neuss: Immer mehr Gewalt und weniger Respekt
Sanitäter sind am Wochenende von einem 19-Jährigen attackiert worden. Der Mann stand laut Polizei unter Drogeneinfluss. Es sind aber nicht immer Rauschmittel im Spiel, wenn alltägliche Situationen eskalieren. FOTO: J. Moll/Komba
Neuss. Rettungskräfte werden bei Einsätzen attackiert, Polizisten spüren steigende Aggressivität und die Kreisverwaltung muss mit einer Kampagne mehr Respekt für ihre Mitarbeiter einfordern. Es läuft etwas falsch im täglichen Miteinander. Von Andreas Buchbauer

Das, was die Besatzung eines Rettungswagens am Cyriakusplatz erlebt hat, ist längst kein Einzelfall mehr. Laut Polizei wurden die Sanitäter am Samstag gegen 2.40 Uhr von einem 19-Jährigen angegriffen. Dabei waren die Rettungskräfte angerückt, um dem Mann, der laut Polizeibericht unter Drogeneinfluss stand, zu helfen. Passanten hatten einen Rettungswagen angefordert, da der 19-Jährige seinen Weg offenbar nicht mehr alleine fortsetzen konnte. Auf dem Weg zum Krankenwagen wurde er aggressiv, schlug nach den Helfern - und verletzte einen Sanitäter leicht. Die Polizei nahm den Randalierer zur Ausnüchterung mit zur Wache. Ihn erwartet ein Ermittlungsverfahren.

Es sind nicht immer Rauschmittel im Spiel, wenn Situationen plötzlich eskalieren. Generell gilt: Der Ton ist rauer geworden und die Hemmschwelle gesunken. Das spüren nicht nur Rettungssanitäter. Andrè Hanke (41) arbeitet beim Straßenverkehrsamt. Wer ihn an seinem Arbeitsplatz im Neusser Kreishaus besucht, sieht überall Aufkleber. "Gewaltfreie Zone" steht darauf, gezeigt wird eine wie auf einem Verbotsschild durchgestrichene Faust. Hanke ist kein schreckhafter Mensch, aber er erlebt nahezu täglich Vorfälle, die ihn nachdenklich machen. "Beschimpfungen sind für meine Kollegen und mich Alltag", sagt er. Der zwischenmenschliche Respekt sei abhanden gekommen, die Gewaltbereitschaft habe zugenommen. Solche Entwicklungen sind kein gutes Zeichen für eine Gesellschaft. Hanke sagt, er sei von Kunden schon ins Gesicht geschlagen und bespuckt worden. Und an einem Tag hat er sich nach Feierabend nicht mal mehr alleine zu seinem Wagen getraut. "Da hatte man mir gedroht: ,Ich weiß, wann du Feierabend hast und warte. Und dann schlag ich dich kaputt'." Kollegen begleiteten ihn an jenem Abend zu seinem Wagen. Zum Glück sei es bei der Drohung geblieben.

"Beschimpfungen und Drohungen haben deutlich zugenommen", sagt Andrè Hanke vom Straßenverkehrsamt. FOTO: Woitschützke Andreas

Die Kreisverwaltung hat Handlungsbedarf erkannt. "Gemeinsam mit Respekt" lautet der Slogan der Kampagne, die für ein besseres Miteinander wirbt. Es ist ein Zeichen, aber es muss sich auch etwas Grundsätzliches im Miteinander ändern. "Wir alle sind Menschen, und es passieren hin und wieder Fehler", sagt Hanke. "Ich verstehe, dass Kunden mitunter nach langen Wartezeiten gefrustet sind." Für wüste Beschimpfungen und wilde Drohungen aber hat er kein Verständnis. Und er ist entsetzt über das, was mitunter bei Facebook geschrieben wird. Dort geäußerte Beschimpfungen würden wie ein Emotionsbeschleuniger wirken.

Hochkochende Emotionen kennt auch Marc Zellerhoff. Der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Rhein-Kreis Neuss betont, dass die Stimmung gereizter geworden ist. "Es gibt immer wieder Situationen, in der Kollegen angegangen werden", sagt er. Manchmal seien die Sanitäter in einer grotesken Situation: Sie kommen, um zu helfen, und müssten aufpassen, nicht selbst zum Opfer zu werden. Was für Sanitäter und Kreisbeamte gilt, ist auch bei der Polizei spürbar. Polizeisprecherin Daniela Dässel erklärt, dass die Zahl der Widerstandsdelikte gegen Beamte von 96 im Jahr 2014 auf 117 in 2015 gestiegen sei. "Wir spüren vor allem eine Zunahme von Solidarisierungseffekten. Bei Einsätzen werden Polizisten oft von Unbeteiligten angegangen, die gar nicht wissen, was vorgefallen ist."

Die Politik ist alarmiert. So hat die CDU Innere Sicherheit bei ihrem Parteitag zum Kernthema gemacht - und fordert neben härteren Strafen für Angriffe, Beleidigungen und Bedrohungen auch eine bessere Ausstattung der Sicherheitskräfte.

Quelle: NGZ
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