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Neuss
In 20 Jahren werden Hausärzte knapp

Neuss. Experten befürchten, dass viele Praxen nicht wieder besetzt werden könnten. Gerhard Steiner, Kreisvorsitzender bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, warnt davor, das Versorgungsproblem aufzubauschen. Von Verena Patel

Schon in 17 Jahren wird der Ärztemangel im Kreis stark spürbar – so legen es Daten nahe, die die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein in ihrem diesjährigen Versorgungsreport aufführt. Danach sollen im Rhein-Kreis Neuss im Jahr 2030 insgesamt 79 Hausärzte fehlen. Außerdem wird es laut der Studie an 16 HNO-Ärzten, zehn Augenärzten, elf Urologen und sieben Nervenärzten mangeln.

Derzeit liegt die Versorgungsquote im Kreis noch im grünen Bereich. Dort entfallen durchschnittlich zwischen 1400 und 1600 Einwohner auf einen Hausarzt. Die KV Nordrhein bezeichnet ein Verhältnis von 1671 Einwohnern pro Hausarzt als angemessen. Probleme könnte es jedoch mit dem Nachwuchs geben. Das wird weniger in den Städten wie Neuss oder Dormagen zu spüren sein, sondern vor allem in den ländlichen Randbereichen, sagt Gerhard Steiner, Vorstandsvorsitzender bei der Kreisstelle der KV Nordrhein. "Im Stadtgebiet sind wir allerdings noch überbesetzt", sagt der Hausarzt.

Es werde wieder ein Hype aus dem Ärztemangel gemacht – zumindest, was die Städte angeht. Problematisch seien hingegen die schwach strukturierten Gebiete. Um die ärztliche Versorgung in Zukunft auch dort sicherstellen zu können, arbeitet die KV Nordrhein an einer Regelung für Praxisbezirke. "Wer eine Praxis übernimmt, kann sich damit nicht in einer ganz anderen Stadt niederlassen, sondern muss innerhalb eines bestimmten Gebietes bleiben", erläutert Steiner das Konzept. Das Projekt sei schon mehrere Jahre in der Mache und solle in den kommenden zwei bis drei Jahren greifen. Um die Orte attraktiver zu machen, seien allerdings die Kommunen am Zug.

Auch in der Überalterung der niedergelassenen Ärzte sieht Steiner kein derart großes Problem: "In Neuss sind die Ärzte im Durchschnitt 53 bis 54 Jahre alt." Anders sieht es Jana Pavlik, Hausärztin und stellvertretende Bürgermeisterin. "Ich kenne mehrere Praxen im Kreis, die ohne Nachfolge geschlossen sind", sagt die Medizinerin. Sie selbst ist 66 Jahre alt und hat die Praxis an eine Kollegin abgegeben, bei der sie nun angestellt ist. "Numerisch gesehen gibt es gar nicht zu wenig Mediziner, es studieren ja genug. Allerdings schlagen auch viele Berufswege in der Industrie ein oder gehen ins Ausland", berichtet Pavlik. Dass viele junge Mediziner nicht mehr als Hausärzte arbeiten wollen, führt sie auf die unterschiedlichen Verdienstaussichten in den medizinischen Fachgebieten zurück.

Seitdem die Honorierungssysteme geändert wurden, hätten es zum Beispiel Augenärzte schwer, bekräftigt Gerhard Steiner. "Bei einem Honorar von zehn bis 12 Euro pro Fall kann man eine Praxis kaum unterhalten." Die Arbeit von Hausärzten werde auch den Medizinstudenten nicht nahe genug gebracht. "Den Lehrstühlen für Allgemeinmedizin ist es bisher nicht gelungen, diesen Beruf als attraktiv darzustellen."

Quelle: NGZ
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