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Marianne Birthler
Inseln der Freiheit - auch in der DDR

Neuss. Marianne Birthler spricht über ihre Lesung beim "Dialog Zukunft" am 15. März.

Frau Birthler, es ist vergleichsweise still um Sie geworden. Wie kommt's?

Marianne Birthler Ich bin seit fünf Jahren nicht mehr Bundesbeauftragte. Das war natürlich ein Amt, mit dem ich immerzu in der Öffentlichkeit präsent war. Ich habe jetzt aber überhaupt nicht den Eindruck, dass mein Leben still ist. Ich mache eine ganze Menge, aber nicht alles erreicht die Medien (lacht).

War der Abstand zur Politik notwendig, um Ihr Buch "Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben" zu schreiben, in dem Sie über Ihr Leben in der DDR und im wiedervereinten Deutschland erzählen?

Birthler Ja, es war auch mein Ziel, nicht wieder gleich einen Fulltime-Job anzunehmen, der meine ganze Zeit beansprucht, sondern auch die Gelegenheit zu nutzen, in Ruhe zurückzudenken, Erfahrungen zu ordnen und hier und da auch neu zu bewerten. Dieser Prozess des Nachdenkens und des Schreibens, der zu diesem Buch geführt hat, war für mich persönlich sehr wichtig.

Wie versuchen Sie, die Komplexität Ihres Buches in so kurzer Zeit zu transportieren?

Birthler Gar nicht. Warum sollte ich das tun? Meistens kläre ich vor Lesungen mit dem Veranstalter ab, welche Aspekte am meisten interessieren und dann wähle ich bestimmte Passagen aus. Das ist besser, als mit dem Ehrgeiz heranzugehen, das ganze Buch vorstellen zu wollen. Da hat ja keiner was davon.

Lesen Sie in Kaarst ausschließlich aus Ihrem Buch vor?

Birthler Nein, es ist eine Kombination aus Lesung, Erzählung und Diskussion. Die Besucher sollen schließlich auch die Möglichkeit haben, zu fragen, was sie am meisten interessiert.

Womöglich wird es Nachfragen über Ihre Schulzeit in der DDR geben, die Sie als "kleine Insel der Angstfreiheit" in Erinnerung haben. Wie kommen Sie zu der Bezeichnung?

Birthler Ich versuche das Leben, wie es in der DDR geführt wurde, möglichst nachvollziehbar für die Zuhörer darzustellen. Dabei ist es mir wichtig, zu transportieren, dass es in der DDR auch Entscheidungsspielräume für die Menschen gab. Trotz eines sehr autoritären und ideologischen Bildungssystems habe ich Lehrer kennengelernt, die ihre Schüler respektierten und die versucht haben, so weit es eben ging, Freiräume für sie zu eröffnen. Manche Lehrer haben auch in der DDR nicht wie Automaten funktioniert. Das wollte ich wertschätzen.

"Nie wieder ein Parteiamt" sagten Sie nach Ihrem Amt als Parteivorsitzende der Bündnisgrünen. Warum sollten junge Menschen aus Ihrer Sicht dennoch politisch aktiv werden?

Birthler Erwachsene Menschen haben normalerweise den Wunsch, Dinge zu gestalten und zu beeinflussen und etwas, das ihnen nicht gefällt, zu verändern. Dafür bietet die Politik Möglichkeiten. Es ist wichtig, dass man seine ganze Lebenserfahrung in die Politik einbringt und dass man sich nicht so schnell entmutigen lässt. Außerdem braucht man Verbündete - sonst hält man das nicht lange durch. Ich kann mich nur freuen über junge Menschen, die sich politisch einmischen wollen - egal ob ehrenamtlich oder als Beruf, egal ob kommunalpolitisch oder im Bundestag.

Von 2000 bis 2011 waren Sie die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR - als Nachfolgerin von Joachim Gauck. Auch der heutige Bundespräsident war bereits in Kaarst zu Gast. Sehen Sie Parallelen zwischen Ihnen beiden?

Birthler Wir sind natürlich verschiedene Menschen, aber in unseren inhaltlichen Positionen stehen wir uns ziemlich nahe.

SIMON JANSSEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
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